Grand Haven (USA) – Im vergangenen Sommer hatte sich Caroline vorgenommen, 100 Bücher zu lesen. Sie schaffte es. Sie war elf Jahre alt. Caroline wird nie wieder ein Buch lesen. Am 24. Juli wurde sie von ihrem Vater erschossen. Ebenso wie ihre Schwester Ella (11) und ihre Brüder Keegan (15), Bennett (12), Smith (11) und Teddy (5). Ihre Mutter Mandy (39) hatte er nach bisherigen Erkenntnissen bereits zuvor getötet. Anschließend legte Kristopher K. (47) den Ermittlungen der Brandexperten zufolge im Erdgeschoss und im Keller seines Hauses Feuer. Danach richtete er sich selbst.
Acht Todesopfer in einem Wohnhaus am Riverside Trail in Grand Haven Township im US-Bundesstaat Michigan, sechs davon Kinder. The Pik berichtet nur in Ausnahmefällen über Tötungsdelikte mit anschließendem Suizid des Täters – und niemals aus dessen Perspektive. Hier machen wir eine Ausnahme, weil eine gesamte Familie ausgelöscht wurde und eine Kleinstadt mit ihr trauert. Weil die Angehörigen selbst an die Öffentlichkeit gehen. Und weil wir nicht nur schildern wollen, was geschehen ist, sondern wem es widerfahren ist.
Ein Zuhause voller Lebensfreude
Caroline Grace, 11, war bereit, sich jeder Herausforderung zu stellen, heißt es in ihrer Traueranzeige. Ihre rechte Körperhälfte war seit der Geburt eingeschränkt beweglich – dennoch spielte sie Basketball, war im Schwimmverein aktiv und ging angeln. Nur als sie die Würmer selbst züchten sollte, war Schluss. Bei den Großeltern spielte sie Klavier und Schlagzeug, und sie war das erste Enkelkind, das im Pilotensitz eines Kleinflugzeugs mitfliegen durfte. Geboren wurde sie in Hangzhou in China, mit zwei Jahren adoptiert. Ihr Geburtsland faszinierte sie, besonders Küche und Technik. Auf der Reise dorthin, von der sie Mitte Juli zurückkehrte, hatte sie gehofft, ihre frühere Pflegemutter wiederzusehen.

Ella Joy, 11, erblickte ebenfalls in Hangzhou das Licht der Welt und wurde mit drei Jahren adoptiert. Sie besaß ein ausgeprägtes Gespür für Mode. Zu Weihnachten hatte sie einen schwarzen Minirock und Glitzer-Boots bekommen. Sie war zurückhaltend und bedacht – wenn sie etwas äußerte, hatte es Gewicht. Während die Geschwister tobten, saß sie am liebsten bei den Erwachsenen, vor allem bei ihrer Mutter. Und sie fand alles wieder, was in der Familie verloren ging. Gelegentlich gegen ein kleines Entgelt.
Keegan Michael, 15, hätte im Herbst die 9. Klasse der Grand Haven High School besucht. Er war aufgeschlossen, freundlich, humorvoll und sanft. Jemand, der andere einbezog und die wahrnahm, die am Rand standen. Er war stolz, der Älteste zu sein, und brachte den Geschwistern TikTok bei. Er lief Cross-Country, vor allem gegen sich selbst: Beim letzten Wettkampf stellte er seine persönliche Bestzeit auf. Die Fahrschule hatte er gerade bestanden, im April hätte er den Führerschein erhalten.
Bennett Chase, 12, war am liebsten im Freien. Als kleiner Junge durchstreifte er den Garten, bestimmte Insekten und Reptilien und suchte Schildkröten. Als er seinen ersten Fisch aus dem Wasser zog, schaute er ihn an und sagte: „Hi!“ Beim Angelwettbewerb am Stony Lake belegte er den dritten Platz. Kürzlich hatte er seinen Jagdschein erworben und mit seinem Großvater sein erstes Reh erlegt. Von seiner Mutter hatte er die Freude am Singen, er war Mitglied im Schulchor. Geschichte interessierte ihn, zuletzt der Zweite Weltkrieg. Von den Großeltern hatte er ein kleines Glasfläschchen mit Sand von den Stränden der Normandie bekommen.

Smith Wyatt, 11, sammelte am Strand Petoskey-Steine aus versteinerten Korallenskeletten und Meerglas. Er war überzeugter Vegetarier und hatte Vorbehalte gegen das Angeln der Familie – er kam trotzdem mit. Als er einmal einen Fisch fing, der groß genug zum Essen war, sagte er: „Opa, wirf ihn zurück!“ Bei Grillabenden bereitete er sein Essen auf einem eigenen kleinen Grill zu. Er schwamm im selben Verein wie seine Schwester Caroline und lernte gerade Wasserski und Golf. Um seinen kleinen Bruder Teddy kümmerte er sich – nur das Bett wollte er nicht mit ihm teilen. Teddy schlafe wie ein Seestern, sagte er. Musste es doch einmal sein, lag Smith am Morgen auf dem Boden.
Theodore Briggs, 5, genannt „Teddy“, hätte im Herbst die Peach Plains Elementary School besucht. Unter den Freunden seiner älteren Geschwister war er eine kleine Berühmtheit. Er war der Erste der sechs, der einen Salto vom Sprungbrett schaffte. Er stürzte sich in alles hinein, rannte, fiel hin, stand wieder auf. Nur das Rennen in Crocs lernte er nie. Bei den Großeltern suchte er als Erstes die beiden Paar Boxhandschuhe, drückte eines dem nächstbesten Erwachsenen in die Hand und stellte sich hin. Er liebte Hot-Wheels- und Matchbox-Autos – und Motorradfahrten mit seinem Opa noch mehr. Vor der Einschulung hatte er Bammel. Schule nannte er immer „zur Arbeit gehen“.

Amanda Rachel „Mandy“ Karolkiewicz war 39 Jahre alt. Sie arbeitete als Vertretungslehrerin an der Peach Plains Elementary School. Im Januar 2026 würdigte der Schulbezirk Grand Haven ihre Arbeit: Sie gehe für die Kinder über das Übliche hinaus, gerade wenn sie einen schweren Tag hätten, mit Empathie, Geduld und Zuwendung. Manche Schüler kannten sie als „Blow-Pop-Lady“: Wer etwas besonders gut gemacht hatte oder einen besonders schlechten Tag hatte, bekam einen Lutscher von ihr. In der dritten Klasse hatte sie von Waisenhäusern in China gehört und sich vorgenommen, später einmal ein Kind von dort zu adoptieren, falls sich die Gelegenheit ergäbe. Sie hat das Versprechen gehalten, zweimal. 2023 schrieb sie ein Kinderbuch, „The Magical Mantra“, und widmete es ihren sechs Kindern. Mandys Mutter Becky und ihr Stiefvater Steve Lawwill sagten in einer Erklärung: „Unsere Tochter Mandy war ein gütiger, hingebungsvoller Mensch, der seine Familie und seine Schüler geliebt hat.“
Der Tag, an dem alles endete
Dann kam der 24. Juli. Gegen halb neun am Morgen meldeten Anwohner am Riverside Trail Brandgeruch. Feuerwehr und Polizei rückten aus, fanden keine Ursache und fuhren wieder ab. Um 11.42 Uhr gingen neue Notrufe ein: Aus einem Haus in der Straße dringe Rauch. Die Einsatzkräfte betraten das Gebäude und fanden acht Tote. Die Kinder lagen in ihren Zimmern. Die Obduktionen ergaben: Alle acht starben durch Schüsse. Für Mandy und die sechs Kinder stellten die Rechtsmediziner Tötungsdelikte fest, für den Vater Suizid.

Den Sterbeurkunden zufolge starb Mandy früher als ihre Kinder. Bei ihr ist dort „am oder nach dem 23. Juli“ vermerkt, bei den Kindern der 24. Juli. Eine genaue Abfolge können die Ermittler bislang nicht rekonstruieren. „Das ist eine unfassbare Tragödie, die wir vielleicht nie ganz verstehen werden“, sagte Captain Jake Sparks vom Sheriff’s Office in Ottawa County. „Diese Sache trifft Dutzende, wenn nicht Hunderte Menschen in diesem County persönlich.“
Acht Tote, viele offene Fragen
Was wissen die Ermittler und was nicht? Kristopher Karolkiewicz war 47 und seit September 2023 Vice President für Vertrieb und Marketing bei der American Heart Association, der amerikanischen Herzstiftung. Er war dort zuständig für den Bereich Erste-Hilfe- und Reanimationsschulungen und arbeitete von zu Hause aus. Im Juli endete sein Arbeitsverhältnis, wie die Organisation mitteilte; zu den Gründen äußert sie sich nicht. Ein mögliches Motiv? Völlig unklar.
Einen Abschiedsbrief hat die Polizei nicht gefunden. Aus dem Haus wurden große Mengen Dokumente sichergestellt, deren Auswertung dauert. Zu diesem Haus war die Polizei nach Kenntnis von Captain Sparks nie zuvor gerufen worden. Bei der Waffe soll es sich um eine registrierte Handfeuerwaffe handeln.
Was in Grand Haven geschah, ist kein Einzelfall. Die Rechercheredaktion „The Trace“ wertete Zahlen des Gun Violence Archive aus, einer gemeinnützigen Organisation, die in den USA Vorfälle mit Schusswaffen erfasst. Demnach sind im vergangenen Jahr 681 Fälle dokumentiert, in denen jemand einen oder mehrere Menschen und anschließend sich selbst tötete. Im Schnitt sind das fast zwei pro Tag. Die meisten dieser Taten stehen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. Eine Untersuchung der Columbia University auf Basis von Daten aus 30 Bundesstaaten der Jahre 2016 bis 2022 kommt auf durchschnittlich 820 Tote pro Jahr. Von den Getöteten waren 57 Prozent aktuelle oder frühere Partnerinnen und Partner des Täters, 14 Prozent waren Kinder.
Zwei Tage nach der Tat kamen rund 200 Menschen im Duncan Woods Park in Grand Haven zu einer Mahnwache zusammen. Schüler hatten sie organisiert. Am 24. August um 11 Uhr findet in der Harvest Vertical Church die öffentliche Trauerfeier für Mandy, Caroline, Ella, Keegan, Bennett, Smith und Theodore Karolkiewicz statt, zu der die Hinterbliebenen einladen. Eine Spendensammlung im Internet soll die Kosten auffangen, die auf Mandys Mutter und ihren Stiefvater zukommen – der Rest soll in ein Stipendium fließen. Es soll die Namen der Kinder tragen.
In einer seelischen Krise? Hier bekommen Sie umgehend Hilfe
Wenn Sie depressiv sind oder an Suizid denken: Holen Sie sich bitte Unterstützung. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar: 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222. Die Beraterinnen und Berater helfen Ihnen, Auswege aus schwierigen Situationen aufzuzeigen. Im Notfall wenden Sie sich bitte an die Feuerwehr (112) oder den Polizei-Notruf (110).




%2520darf%2520sich%2520offiziell%2520Adolfa%2520nennen%2Fadolfa-b-mit-hitlerbartchen-und-einem-eisernen-kreuz-um-den-hals-unter-den-pflastern-seiner-hand-dazwischen-noch-zu-sehe.webp&w=1200&q=75)




