Kreativität, hohe Motivation und schnelles Denken zeichnen sie aus – dennoch erleiden sie überproportional häufig ein Burn-out: Menschen mit ADHS. Was paradox erscheint, ist für viele Betroffene Arbeitsrealität. Die Eigenschaften, die sie zu wertvollen Mitarbeitern machen, können sich gegen sie wenden. Kerstin Alfes, Professorin in Berlin, erforscht Neurodiversität am Arbeitsplatz und gibt praktische Hinweise für einen besseren Umgang.
Ein hartnäckiges Klischee bei ADHS ist das Bild des unruhigen „Zappelphilipps“. Für Alfes ist dieses veraltet. Tatsächlich zeige sich ADHS in verschiedenen Ausprägungen – von unruhigen über verträumte Typen bis zu Mischformen. Gemeinsam ist vielen ein großes Potenzial. Menschen mit ADHS seien häufig besonders motiviert bei neuen Herausforderungen, brächten Kreativität ein und könnten sich tief in Themen einarbeiten. In Stresssituationen behielten sie oft sogar einen kühleren Kopf als andere. Viele Betroffene sprechen daher von ihrer besonderen „Superkraft“.
Zur Person:
Kerstin Alfes (49) ist Professorin für Organisation und Personalmanagement an der ESCP Business School in Berlin. Sie beschäftigt sich seit langem mit der Frage: „Warum stehen Mitarbeiter morgens auf und gehen zur Arbeit?“ Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Sinn in der Arbeit, Extremberufe und Neurodiversität.
Wenn Stärken zum Risiko werden
Im Berufsleben werden diese Stärken oft ausgenutzt – meist ohne böse Absicht. Die Expertin sieht das Problem häufig im Arbeitsumfeld. Großraumbüros, ständige Ablenkungen und mangelnde Struktur seien „kontraproduktiv für Menschen mit ADHS“. Zugleich würden einfache Hilfen wie klare Aufgaben, Rückzugsorte oder technische Unterstützung wie Noise-Cancelling-Kopfhörer oft nicht genutzt. Besonders problematisch wird es, wenn Vorgesetzte die Leistungsbereitschaft falsch deuten. „Führungskräfte erkennen oft nicht, wann Menschen mit ADHS über ihre Grenzen gehen“, erläutert sie. Statt Entlastung folgten dann zusätzliche Aufgaben – bis es zum Zusammenbruch kommt.
„Menschen mit ADHS haben häufig Schwierigkeiten mit der Selbstregulation“, so die Expertin. Viele spürten nicht rechtzeitig, wann eine Pause nötig ist. Hinzu komme oft eine biografische Prägung: „Viele haben seit der Kindheit erfahren, dass sie nicht ins Schema passten – zu laut, zu unruhig, zu direkt. Wenn sie im Beruf dann erstmals echte Anerkennung erhalten, kann das eine gefährliche Dynamik in Gang setzen.“
Handlungsempfehlungen für Unternehmen
Die Kombination aus eingeschränkter Selbstregulation und dem starken Bedürfnis nach Bestätigung führt dazu, dass Menschen mit ADHS ihre Grenzen ständig überschreiten – oft unbemerkt. Dabei sind die Gegenmaßnahmen häufig simpel. „Es geht vor allem darum, Reize zu reduzieren“, betont Alfes. Rückzugsräume, klare Abläufe, schriftliche Kommunikation und flexible Arbeitszeiten könnten viel bewirken. Auch Homeoffice fördere die Konzentration. Der Vorteil: Solche Maßnahmen nützen dem gesamten Team.
Unternehmen sollten ihre Personalprozesse überdenken, rät Alfes. „Gerade Menschen mit ADHS sind oft fachlich exzellent. Eine Beförderung liegt nahe. Doch Teams leiten oder interne Bürokratie handhaben? Das fällt Menschen mit ADHS häufig schwer.“ Statt ihnen Personal- oder Managementverantwortung zu übertragen, sollten sie in ihrer Fachlaufbahn aufsteigen können.





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