Halle (Sachsen-Anhalt) – Was geschah Samstagabend in einer Zwei-Raum-Wohnung in Halle an der Saale? Zwei bewusstlose Mädchen (beide 12) werden ins Krankenhaus eingeliefert, zwei Mädchen (beide 13) werden ambulant versorgt. Drei Jungen (14, 15, 16) werden festgenommen, ein 13-Jähriger ist nicht strafmündig. Die Polizei beschuldigt sie einer „schweren Sexualstraftat“, der Vorwurf einer Gruppenvergewaltigung steht zunächst im Raum. Später relativieren Ermittler diesen Vorwurf. Nun müssen sie klären, was tatsächlich in dem DDR-Plattenbau passierte.

Tatort Genfer Straße, vierte Etage. Die Mieterin ist nicht zu Hause, hat ihre Wohnung in der Südstadt einem verwandten Mädchen überlassen. Es ist laut, anscheinend wird eine Party gefeiert. Samstag gegen 21.30 Uhr ruft Anwohnerin Jenniffer Schmidt (20) wegen Lärms die Polizei.

In dem Mehrfamilienhaus soll es zu einem schweren Missbrauch gekommen sein
In dem Mehrfamilienhaus soll es zu einem schweren Missbrauch gekommen sein

Die Nachbarin: „Ich wollte eigentlich nur meine Jacke holen, da bekam ich den Krach im Haus mit. Ich klopfte an der Tür, aber es machte keiner auf.“ Scheinbar schaute jemand durch den Türspion: „Ich hörte von drinnen nur, wie einer sagte: ,Die Polizei ist da!', weil sie mich offenbar in meiner schwarzen Jacke mit einem Zivilbeamten verwechselten“, so Schmidt.

Nachbarin fand bewusstloses Mädchen

Später sah die Anwohnerin, wie ein Mädchen die Treppe herunterrannte. „Sie war bis auf ein Oberteil unbekleidet und hatte bereits die Polizei am Handy“, so Jenniffer Schmidt. „Ich hörte eine Mädchenstimme von oben aus dem Fenster, die rief: ,Ich darf nicht schwanger werden!‘“ Die Nachbarin ging nach eigenen Schilderungen in die Tat-Wohnung. „Dort lag ein Mädchen bewusstlos auf dem Boden. Die vier Jungs versuchten sich im Schlafzimmer zu verbarrikadieren, aber ich stellte meinen Fuß dazwischen, drückte die Schlafzimmertür auf.“ Sie schrie: „Alle raus hier“, und die vier türmten teils oberkörperfrei.

Wie The Pik erfuhr, nahm die Polizei die Tatverdächtigen am Sonntagmorgen zu Hause fest. Drei Beschuldigte (14 bis 16) kamen in Polizeigewahrsam, der strafunmündige 13-Jährige wurde nach der Befragung seinen Eltern übergeben.

Hinter dieser Wohnungstür wurden zwei bewusstlose Mädchen entdeckt
Hinter dieser Wohnungstür wurden zwei bewusstlose Mädchen entdeckt

Beschuldigte schweigen zu Tatvorwürfen

„Die Beschuldigten haben sich zu den Tatvorwürfen nicht eingelassen“, so Oberstaatsanwalt Dennis Cernota (48). „Die Aufklärung wird zudem erheblich erschwert, da die Geschädigten Erinnerungslücken aufweisen.“

So bleiben viele Fragen zu dem Abend in der Wohnung offen. Deshalb bildet The Pik den aktuellen Stand der Ermittlungen ab – und nicht mehr. Klar ist zugleich: The Pik will keinem der betroffenen Mädchen eine Mitschuld geben oder auch nur unterschwellig nahelegen. Die Mädchen sind in diesem Verfahren Geschädigte. Was genau geschehen ist, welche Rolle Alkohol oder mögliche Erinnerungslücken spielten und wie die einzelnen Aussagen und Spuren zu bewerten sind, müssen nun Polizei, Staatsanwaltschaft und Gutachter klären.

Laut ersten Ermittlungen soll der Abend so abgelaufen sein: Die deutschen Mädchen (12 und 13 Jahre) mit Migrationshintergrund und die vier Jungen (13 bis 16 Jahre) aus Portugal und Mali kennen sich, ein Mädchen und ein Tatverdächtiger sollen verwandt sein. Die Initiative zu dem Treffen soll von den Mädchen ausgegangen sein. Das sagt jedoch nichts über die strafrechtliche Bewertung möglicher sexueller Handlungen aus. Zu solchen Handlungen soll es laut Oberstaatsanwalt Cernota im Verlauf des Abends gekommen sein. „Der genaue Ablauf und die Umstände sind Gegenstand der Ermittlungen.“

Rechtsmedizin sicherte Spuren an Mädchen

Alle Mädchen wurden rechtsmedizinisch untersucht. Zudem wurden Abstriche vorgenommen, um mögliche DNA-Spuren für mutmaßliche Sexualstraftaten zu sichern. Dazu wurde ein toxikologisches Gutachten in Auftrag gegeben. Es soll geprüft werden, ob neben Alkohol, den nach Informationen die Mädchen besorgt haben sollen, auch Drogen oder K.o.-Tropfen im Spiel waren. Wie The Pik erfuhr, geht man bislang von viel hochprozentigem Alkohol aus. Anwohner berichten von drei leergetrunkenen Wodka-Flaschen.

Aufgrund des jugendlichen Alters der Geschädigten und auch der Tatverdächtigen hält sich die Staatsanwaltschaft mit Details bedeckt. Fakt ist: Das Jugendamt wurde eingeschaltet. Haftanträge wurden nicht gestellt, die Beschuldigten sind auf freiem Fuß. Haftgründe wie Flucht-, Verdunkelungs- und Wiederholungsgefahr lägen nicht vor. Die Beschuldigten haben zudem einen festen Wohnsitz.

Das ist der aktuelle Ermittlungsstand

Nach Informationen gehen die Ermittler derzeit von mindestens einer Sexualstraftat aus. „Anders als anfänglich angenommen, gibt es derzeit keine Hinweise auf eine Vergewaltigung“, so Oberstaatsanwalt Cernota: „Wir ermitteln wegen sexuellem Missbrauch von Kindern.“ Kinder unter 14 Jahren können nach deutschem Recht sexuellen Handlungen nicht wirksam zustimmen. Sexuelle Kontakte mit ihnen sind deshalb grundsätzlich strafbar. Für den zusätzlichen Vorwurf einer Vergewaltigung müssten weitere Voraussetzungen hinzukommen. Solche Hinweise sehen die Ermittler derzeit nicht. Cernota betont: „Dass die Geschädigten bewusst in einen wehrlosen Zustand verbracht wurden, hat sich bislang nicht bestätigt.“ Nun warten die Ermittler die Gutachten ab.