Berlin/Dresden – Zwei Terroranschläge, doch die Vorgehensweise gleicht sich. Der Islamist Abdul Ballout (21) tötete am Samstag auf dem Berliner CSD eine 65-jährige Mutter aus Polen und verletzte 31 Menschen. Der Fall zeigt frappierende Parallelen zum islamistischen Attentat von 2020 in Dresden (Sachsen). Der Terrorist Abdullah al Haj Hasan (damals ebenfalls 21) griff damals ein homosexuelles Paar (53, 55) an – der 55-Jährige überlebte nicht. Auffällig: Beide Täter waren bereits vorbestraft und wurden danach nur lückenhaft überwacht. Ein Ermittler legt nun gegenüber The Pik offen, welche Mängel die Observation von Gefährdern prägen.
Das Kernproblem: Der Polizei fehlen schlichtweg die personellen Kapazitäten, um alle Gefährder rund um die Uhr zu überwachen. „Für eine lückenlose 24-Stunden-Überwachung werden zahlreiche Beamte benötigt, die es schlichtweg nicht gibt. Die Polizei soll mit verbundenen Augen Probleme lösen, die die Politik jeden Tag größer werden lässt“, erklärt der Ermittler, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte.
410 islamistische Gefährder registriert
Das Bundeskriminalamt (BKA) führt aktuell (Stand 2025) 410 Personen als islamistische Gefährder. Ein Jahr zuvor besaßen laut WELT 342 von 480 islamistischen Gefährdern einen deutschen Pass – also die deutsche oder eine doppelte Staatsbürgerschaft.
Hinzu kommen nach Schätzungen des Verfassungsschutzes rund 9110 gewaltorientierte Islamisten in Deutschland. Diese Personen sind entweder gewalttätig, gewaltbereit oder befürworten Gewalt. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 28.645 Islamisten erfasst.
Der Ermittler konstatiert: „Die Ressourcen der Polizei reichen meist nicht aus, um einen Gefährder zu überwachen. Nach zwei Wochen Dauerbelastung sind die Beamten selbst am Ende. Wenn es, wie in Berlin, rund 50 Gefährder sind, geht man einfach unter.“
Minister plädiert für Gefährder-Gewahrsam
Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel (38, CDU) fordert: „Gerade im Hinblick auf Festivals und Großereignisse wie Weihnachtsmärkte oder den CSD wäre eine Ausweitung des Präventivgewahrsams hin zu einem Gefährder-Gewahrsam hilfreich. Das muss jetzt umgesetzt werden. Damit aus Gefährdern nicht Täter werden.“

LKA installierte Kamera beim Terroristen
Beim Fall Abdul Ballout hatte das Landeskriminalamt (LKA) eine Kamera vor seiner Wohnung montiert. Diese zeichnete ihn auf, als er eine Stunde vor der Tat das Haus verließ. Auch sein Mobiltelefon wurde überwacht. Grund: Der Terrorist galt als extrem gefährlich. Das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten verurteilte ihn am 12. Mai unter anderem wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat zu einer Jugendfreiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten – unter Auflagen wurde er jedoch auf freien Fuß gesetzt.
Parallelen zum Terroranschlag in Dresden
Der Berliner Fall weist deutliche Parallelen zum Dresdner Anschlag auf. Terrorist Abdullah al Haj Hasan verbüßte zwei Jahre und neun Monate Haft – unter anderem wegen Anleitung zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Straftat. Nur fünf Tage nach seiner Entlassung wurde er zum Mörder: Am 4. Oktober 2020 stach er in der Dresdner Innenstadt auf ein homosexuelles Paar aus Nordrhein-Westfalen ein. Einer der Männer verblutete noch am Tatort, sein Partner überlebte schwer verletzt. Hasan wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Bemerkenswert: Der sächsische Verfassungsschutz observierte den Terroristen noch am Tattag selbst. Die Staatsschützer wurden jedoch vor der Tat zu einem anderen Einsatz abgezogen. Verfassungsschutz-Chef Dirk-Martin Christian wollte damals nicht preisgeben, um welchen Einsatz es sich handelte. The Pik erfuhr: Die Ermittler wurden zu einer rechten Veranstaltung beordert. Der Verfassungsschutz hatte zuvor einen Kamerawagen vor der Asylunterkunft des Täters positioniert. Ironie des Schicksals: Die Scheiben waren vereist, sodass der Verfassungsschutz keine Sicht mehr hatte.
„Länder stufen weniger Gefährder ein“
Und noch eine Gemeinsamkeit: Beide Terroristen waren beim „Violence Prevention Network“ angebunden, einem Deradikalisierungs-Programm von Thomas Mücke (68). Sein Team habe beim Dresden-Terroristen nicht den Eindruck gehabt, „dass von dieser Person eine unmittelbare Gefahr ausgeht“, so Mücke in der „Zeit“.
Seit 2011 sind mehr als 1000 Islamisten aus Deutschland nach Syrien und in den Irak ausgereist. Davon sind über 450 wieder zurückgekehrt. Der Ermittler: „Das sind die, von denen wir sicher wissen. Die Dunkelziffer kennt niemand. Manche Bundesländer stufen weniger Gefährder ein, um sich nach einem möglichen Anschlag nichts vorwerfen lassen zu müssen.“
„Der Datenschutz macht alles kaputt“
Der Ermittler beklagt zudem unzureichende Befugnisse für die Fahnder. „Der Datenschutz macht alles kaputt. Die Quellen-Telekommunikationsüberwachung können wir uns in die Haare schmieren.“ Bei der Quellen-TKÜ handelt es sich um das heimliche Mitlesen verschlüsselter Internet-Kommunikation (etwa über Messenger-Dienste) direkt auf dem Handy mittels einer Software. „Gefühlt jeden Monat kommen neue Handys mit neuer Software auf den Markt, die genau darauf ausgelegt ist, das Abhören und Auslesen zu verhindern“, so der Ermittler. „Wir haben dafür viel zu wenige Spezialisten. Zudem nutzen viele Kriminelle gestohlene Handys mit gestohlenen SIM-Karten.“
Auch der Informationsaustausch zwischen Verfassungsschutz und Polizei sei unzureichend: „Der Verfassungsschutz, der nur im Vorfeld agiert, darf Informationen nur dann weitergeben, wenn konkrete Anhaltspunkte vorliegen. Unser Wissen können wir so gar nicht richtig teilen.“





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