Köln – Ein ehemaliges Bandidos-Mitglied hat vor Gericht seltene Einblicke in die Hierarchie der Kölner Rocker-Szene gegeben und dabei seinen früheren Chef belastet. Hasan Y. (33), einst Anwärter bei den Bandidos, brach vor dem Landgericht ein ungeschriebenes Gesetz der Szene: Er sprach offen über die Anweisungen seines früheren Präsidenten Aykut Ö. (39), dem sogenannten Versace-Rocker. Y. musste sich wegen Falschaussage und gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Der Fall geht auf den 21. November 2018 zurück: Aus einem fahrenden Auto heraus feuerten damals Hells Angels auf ein Café im Kölner Stadtteil Kalk, einem Treffpunkt der verfeindeten Bandidos. Zu jener Zeit lieferten sich die Rockerclubs einen blutigen Machtkampf um die Vorherrschaft im Kölner Milieu. Zwei Männer, die sich im Café aufhielten, wurden durch die Schüsse verletzt.

Der Kölner Ex-Bandidos-Boss stand auf die goldenen Glitzerklamotten von Versace. Derzeit sitzt Aykut Ö. (39) in U-Haft

Bandido trifft eigenen Club-Bruder statt Hells Angel

Hasan Y. hielt sich zum Tatzeitpunkt ebenfalls in dem Café auf. Als sogenannter Prospect, also Bandidos-Anwärter, musste er sich besonders beweisen. Er rannte mit einem Magnum-Revolver aus dem Lokal, wie Überwachungsaufnahmen zeigen, und feuerte bereits beim Hinausstürmen – obwohl das Fluchtauto der Angreifer längst um die Ecke verschwunden war. „Es sollte ein Warnschuss sein“, erklärte er fast acht Jahre später vor dem Landgericht Köln.

Einer der Schüsse traf eine Deckenleuchte in einer Wohnung im dritten Stock eines gegenüberliegenden Gebäudes. Ein weiterer Schuss traf einen Rocker – allerdings keinen Hells Angel, sondern ein Mitglied des eigenen Clubs, der das davonrasende Fahrzeug zu Fuß verfolgen wollte. Der Bandido erlitt einen Schulterdurchschuss. Auf die Frage der Staatsanwältin, ob es deshalb Ärger gegeben habe, antwortete der Angeklagte trocken: „Meine Probezeit wurde verlängert.“

Aykut Ö. verdiente als Bandidos-Boss genug Geld für einen Rolls-Royce und zeigte gerne, was er von anderen Menschen hielt

Versace-Rocker: Unschuldige Opfer waren ihm „völlig egal“

Dann wagte Hasan Y. einen in der Rockerszene ungewöhnlichen Schritt: Er belastete seinen früheren Club-Präsidenten schwer. Nach seinen Angaben sei das Kölner Bandidos-Chapter ein „Ein-Mann-Chapter“ gewesen, das allein dem Willen von Versace-Rocker Aykut Ö. gefolgt sei. „In seinen Augen waren wir nur seine Hunde“, so Y. Er berichtete weiter: Nur drei Wochen nach dem Angriff auf das Café hätten die Bandidos Vergeltung geübt. Aus einer fahrenden A-Klasse seien auf der Kölner Zoobrücke Schüsse auf einen Golf abgegeben worden. Dabei wurde ein unbeteiligter 21-Jähriger lebensgefährlich verletzt. „Den Auftrag gab mein ehemaliger Präsident“, sagte Hasan Y. vor Gericht. Aykut Ö. sei es „völlig egal“ gewesen, dass ein Unschuldiger getroffen wurde: „Hauptsache, es wurde jemand getroffen. Da ist Ö. schmerzfrei.“

Aykut Ö. steht aktuell wegen Anstiftung zum Mord vor Gericht. Er hat das „Expect No Mercy“-Patch auf den Hals tätowiert. Nach Erkenntnissen von Strafverfolgern dürfen es nur Bandidos tragen, die für den Club getötet oder einen Gegner schwer verletzt haben. Die Rocker bestreiten diese Bedeutung

Angeklagter verlässt Rockerclub und absolviert Therapie

Hasan Y. wurde nach seiner Aussage zu sechs Jahren Haft verurteilt. Er betonte, künftig nie wieder vor Gericht stehen zu wollen: „Ich war von der Bruderschaft geblendet. Ich bin lange aus dem Club raus, nahm an einem Aussteigerprogramm teil und mache eine Psychotherapie.“

Hasan Y. kann sich glücklich schätzen: Normalerweise sind Rocker nach solchen Aussagen „out in bad standing“ – sie sind vogelfrei. Clubmitglieder sind verpflichtet, sie sofort anzugreifen, wenn sie ihnen begegnen. Doch der Aussteiger muss sich nach seinen belastenden Aussagen kaum noch fürchten: Das Chapter wurde aufgelöst, die meisten führenden Mitglieder verbüßen lange Haftstrafen. Sein Ex-Boss muss sogar mit Sicherungsverwahrung rechnen. Der Versace-Rocker steht in zwei Verfahren wegen Anstiftung zum versuchten Mord vor Gericht. Seine beiden Anwälte wollten sich auf Anfrage zu den Vorwürfen von Hasan Y. nicht äußern.