Wien (Österreich) – Acht lange Jahre suchte Brigitta Scharinger (70) nach ihrer Tochter Jenni (†21). Ihr letztes Lebenszeichen war eine WhatsApp. Am 22. Januar 2018 um 1.17 Uhr schrieb Jenni unter ein Selfie: „Bin save“ (bin sicher). Neben ihr auf dem Bild war ihr Freund zu sehen, Clemens T. (33). Sie ahnte wohl nicht, in welcher Gefahr sie war. Donnerstag stand T. in Wien als Angeklagter vor Gericht und sagte: „Ich bekenne mich voll schuldig des Mordes an Jennifer Scharinger.“

Es ist ein Geständnis, das in der österreichischen Justizgeschichte für Aufsehen sorgen dürfte – nicht nur wegen der grausamen Tat selbst, sondern vor allem wegen der hartnäckigen Detektivarbeit einer Mutter, die sich weigerte, die offizielle Version der Ermittler zu akzeptieren. Der Fall wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Frage, wie schnell Ermittlungen in Vermisstenfällen ins Leere laufen können, wenn ein Tatverdächtiger geschickt die Rolle des Trauernden spielt.

Eine Mutter, die nicht aufgab: Der private Ermittlungsfeldzug

Dass Landschaftsgärtner Clemens T. nach so langer Zeit endlich gestanden hat, ist wohl vor allem Jennis Mama zu verdanken. Denn sie hat nie aufgegeben. Auch nicht, als die Ermittler der Polizei die Akte längst geschlossen hatten. Was Brigitta Scharinger in diesen acht Jahren leistete, gleicht einer professionellen Ermittlungsarbeit: Sie veröffentlichte Fotos von T.s auffälligem gelben Toyota auf Facebook, grub in Wäldern, wo T.s Handy geortet worden war, und engagierte schließlich den Präsidenten des österreichischen Detektivverbands, Anwalt Andreas Schweitzer, um den Ex-Freund ihrer Tochter beschatten zu lassen.

Der Druck, den die Mutter aufbaute, war offenbar so groß, dass Clemens T. sogar seinen Namen in „Mairon K.“ änderte – ein Versuch, ihrer beharrlichen Suche zu entkommen. Doch genau diese Namensänderung und die zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit trugen vermutlich dazu bei, dass das fragile Konstrukt aus Lügen und Ausreden schließlich zusammenbrach.

Die Spur der anderen Frauen: Ein Muster aus Gewalt und Manipulation

Während ihrer Recherchen erfuhr Brigitta Scharinger von weiteren Ex-Freundinnen, die von seelischen und körperlichen Qualen berichteten. Einer der Frauen soll T. unmittelbar nach dem Mord noch vom Tatort aus geschrieben haben: „Du bist wunderschön“ und „Wie ist dein Name auf Instagram?“ – ein Verhalten, das Psychologen als typisch für narzisstische Täter beschreiben, die unmittelbar nach der Tat bereits das nächste „Opfer“ anvisieren.

Auf einer Dating-Plattform ließ die Mutter einen Bekannten unter dem Fake-Namen „Viviane“ Kontakt mit Clemens T. aufnehmen. Dort soll er sich mit seinem Wissen gebrüstet haben, wie man eine Leiche spurlos verschwinden lassen könne – ein Gespräch, das später vor Gericht eine zentrale Rolle spielen sollte. Der Fall erinnert an andere spektakuläre Kriminalfälle, in denen Täter über Jahre hinweg ein Doppelleben führten und sich ihrer Strafe entzogen, weil niemand ihre Fassade durchdrang.

Landschaftsgärtner Clemens T. (33) auf dem Weg in den Gerichtssaal im Landesgericht Wien
Quelle: Privat

Mörder vergrub Leiche auf einem Truppenübungsplatz

Ende Januar 2018 war Jenni plötzlich verschwunden. Sie habe sich nach einem fürchterlichen Streit ins Ausland abgesetzt, sagte Clemens T. damals aus. „Dabei lagen ihr Handy, ihre Geldbörse mit sämtlichen Karten noch in ihrer Wiener Wohnung“, erzählt Brigitta Scharinger. Für die Mutter war das ein untrügliches Zeichen: Eine Frau, die freiwillig verschwindet, lässt ihre gesamten Habseligkeiten und ihr Handy nicht einfach zurück.

Auch die Polizei hatte T. zunächst im Fokus. Da gab es seine Google-Suchen nach K.o.-Tropfen. Und dann die Spy-Kamera in Jennis Schlafzimmer. Trotzdem stellte die Kripo nach 15 Monaten die Ermittlungen gegen T. ein – ein Schritt, der im Nachhinein als schwerer Fehler gewertet werden muss. Der Druck auf T. erhöhte sich jedoch weiter. Ende 2025 überschlugen sich schließlich die Ereignisse: Seine neue Freundin hatte Anzeige gegen T. erstattet, weil er sie geschlagen haben soll. Die Polizei durchsuchte seine Wohnung.

Trotz eines Waffenverbots fanden die Beamten Munition, Wurfmesser und eine Luftdruckwaffe. Beim Verhör brach er schließlich zusammen und gestand überraschend, Jennifer Scharinger auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig (Niederösterreich) vergraben zu haben – einem Gelände, das für seine unwegsamen Wälder und schwer zugänglichen Areale bekannt ist und sich für das Verstecken einer Leiche geradezu anbietet.

Diese letzte Nachricht schickte Jennifer S. einer Freundin
Quelle: Privat
Wurde im Januar 2018 von ihrem Ex getötet: Jenni Scharinger (†21).
Quelle: Privat

Mordgeständnis nach acht Jahren: Das Urteil und seine Bedeutung

Jenni habe sich endgültig von ihm trennen wollen, so die Einlassung des Angeklagten. Er behauptet, sie habe auf ihn eingeschlagen und ihn getreten. Da habe er seinen linken Unterarm um ihren Hals gelegt und fest zugedrückt. „Er hat sie festgehalten und ließ sie nicht mehr los“, umschrieb Verteidigerin Astrid Wagner die Tat – eine Formulierung, die den tödlichen Würgegriff beinahe wie einen Unfall klingen lässt. Die Geschworenen ließen sich davon jedoch nicht beeindrucken.

Sie sprachen den Angeklagten am Donnerstagnachmittag einstimmig mit 8:0 für schuldig. Seine Strafe: lebenslange Haft plus Einweisung in eine forensisch-psychiatrische Anstalt. Die Verteidigerin legte Berufung ein. Das Urteil ist damit noch nicht rechtskräftig. Für Brigitta Scharinger bedeutet der Schuldspruch eine späte Genugtuung – doch der Schmerz bleibt. Jennis Leiche konnte ihre Mama bis heute nicht beisetzen – sie liegt noch immer in der Gerichtsmedizin.

Der Fall Scharinger wird in Österreich und darüber hinaus als Mahnung dienen: als Mahnung an Ermittlungsbehörden, Hinweise wie K.o.-Tropfen-Suchen im Internet und versteckte Kameras ernster zu nehmen. Und als Beweis dafür, dass eine einzelne Person – getrieben von Mutterliebe und Gerechtigkeitssinn – manchmal mehr erreichen kann als eine gesamte Polizeibehörde. Für Angehörige von Vermissten in Deutschland und Österreich ist dieser Fall zugleich ein Hoffnungsschimmer: Auch wenn die Akten geschlossen werden, muss die Wahrheit nicht für immer verborgen bleiben.