Albstadt (Baden-Württemberg) – Rund zwei Millionen Euro Bußgeld-Einnahmen in einem Jahr: Albstadt hat so viel Geld durch Raser eingenommen wie nie zuvor. Ausgerechnet der eigene Oberbürgermeister Roland Tralmer hat seinen Beitrag dazu geleistet – unfreiwillig, aber doppelt. Der Stadtchef fuhr zweimal in eine Radarfalle seiner eigenen Stadt.

Die Einnahmen-Explosion der 47.000-Einwohner-Stadt auf der Schwäbischen Alb ist kein Zufall, sondern die Folge einer Verkehrsverlagerung. Weil eine Bundesstraße gesperrt war, mussten Autofahrer durch das Stadtgebiet ausweichen – und gerieten dort in eine mobile Geschwindigkeitsmessanlage im Ortsteil Laufen.

Ein Blitzer, eine Sperrung, 23.000 Verstöße

Die Zahlen sind beachtlich: 23.000 Fahrer missachteten das Tempolimit, die daraus resultierenden Bußgelder summierten sich auf 965.000 Euro – allein für diese eine Messstelle. Zum Vergleich: Nach einer Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht in deutschen Städten nehmen Kommunen im Schnitt rund 300.000 Euro pro Blitzer und Jahr ein. Albstadt hat mit einer einzigen Anlage also mehr als das Dreifache des üblichen Durchschnitts erzielt.

Hinter diesen Zahlen steckt ein bekanntes Phänomen: Ausweichverkehr. Wenn Autofahrer eine gesperrte Hauptroute umfahren müssen, verlagert sich der Verkehr in Wohngebiete und Nebenstraßen, die für solche Lasten oft nicht ausgelegt sind. Für die Kommunen bedeutet das einerseits mehr Lärm und Gefahr für Anwohner – andererseits eben auch sprudelnde Einnahmen aus Verwarnungs- und Bußgeldern. Im Fall von Albstadt hat die Sperrung der Bundesstraße die Bilanz der Stadtkasse innerhalb eines Jahres praktisch verdoppelt.

Der Oberbürgermeister als reumütiger Verkehrssünder

Dass ausgerechnet der Mann an der Spitze der Stadt zweimal in die eigene Falle fuhr, hat für Schlagzeilen gesorgt – nicht nur in der lokalen Presse. Roland Tralmer stellte sich im Gemeinderat der Öffentlichkeit und erklärte seine beiden Verstöße mit Alltagsablenkung.

„Beim ersten Mal hatte ich zuvor einen Termin in der Kirche. Als ich von dort wegfuhr, war ich so in Gedanken …“

Seinen zweiten Verstoß begründete er mit einem wichtigen Telefonat über die Freisprechanlage mit einem Oberbürgermeister-Kollegen. Plötzlich sei es hell geworden – die klassische Situation eines Blitzers, der den Fahrer aus der Routine reißt. Zuerst hatte die „Schwäbische Zeitung“ über den Fall berichtet.

Kein Punkt in Flensburg, aber ein schlechtes Gewissen

Für Tralmer bleiben die Folgen glimpflich. Mit gemessenen 56 und 58 km/h in der jeweiligen Zone bewegte er sich im unteren Verstoßbereich, was jeweils ein Verwarnungsgeld von 30 Euro nach sich zog. Sein Punktestand in Flensburg bleibt bei null – anders als das Bußgeldkonto der Stadt.

Bemerkenswert ist seine Selbstreflexion. Tralmer räumte ein, früher öfter zu schnell gefahren zu sein, betonte aber seinen Anspruch als Vorbild: „Die letzten fünf Jahre musste ich kein einziges Bußgeld zahlen. Jetzt war's persönliche Doofheit.“ Diese Aussage zeigt ein Bewusstsein für die Vorbildfunktion von Amtsträgern – ein Thema, das in vielen Kommunen immer wieder für Diskussionen sorgt, wenn Politiker selbst mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Sparen als zweites Standbein

Doch der OB denkt nicht nur über Einnahmen nach, sondern auch über Ausgaben. In Albstadt wurde der Dienstwagen samt Fahrer abgeschafft – ein ungewöhnlicher Schritt für eine Stadt dieser Größe. Tralmer fährt zu Terminen mit seinem privaten Auto, einem Audi A3. Damit gehört er zu einer wachsenden Zahl von Kommunalpolitikern, die angesichts angespannter Haushalte auf Statussymbole verzichten und lieber mit gutem Beispiel vorangehen.

Die Kombination aus unerwarteten Bußgeldeinnahmen und gesparten Ausgaben für den Fuhrpark zeigt: Albstadts Finanzlage hat sich im vergangenen Jahr auf zwei Wegen verbessert – einmal durch die Fehler anderer, einmal durch die Bescheidenheit des eigenen Stadtchefs. Dass ausgerechnet der OB selbst für einen Teil der Einnahmen sorgte, dürfte in der Stadt für Schmunzeln sorgen – und für die Erkenntnis, dass auch die höchsten Verkehrsteilnehmer nicht vor den eigenen Kontrollen sicher sind.