Kempten – Vor fünf Jahren wurden sie als Helden gefeiert: Deutsche Soldaten retteten im August 2021 bei einer riskanten Evakuierungsmission in Kabul 5347 Menschen vor den Taliban. Fallschirmjäger sicherten gemeinsam mit westlichen Verbündeten den Flughafen der afghanischen Hauptstadt. Die Lage war chaotisch, Schüsse fielen, Panik breitete sich aus.
Der Einsatzbefehl lautete: Bringt alle deutschen Staatsbürger und gefährdeten afghanischen Ortskräfte, die für die Bundeswehr tätig waren, in Sicherheit. Insgesamt 450 Soldaten waren an dieser Luftbrücke beteiligt. Jeder von ihnen erhielt eine Einsatzmedaille. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (70) würdigte ihren Einsatz mit den Worten: „Unser Land ist stolz auf Sie!“
Doch nun lastet ein schwerer Verdacht auf einer Gruppe dieser Fallschirmjäger: Die mit Sturmgewehren bewaffneten Elitesoldaten sollen am Flughafen Kabul Waren entwendet haben! Die Justiz ermittelt seit Monaten gegen die Männer.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Kempten, die für Straftaten von Soldaten im Auslandseinsatz zuständig ist, bestätigte auf Nachfrage: „Die Staatsanwaltschaft Kempten führt ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts des Diebstahls gegen insgesamt fünf Bundeswehrangehörige, welche dem Einsatzkontingent angehörten.“ Der Vorwurf im Detail: Die Beschuldigten sollen sich „während der Evakuierungen Waren aus Läden am Flughafen Kabul rechtswidrig angeeignet haben“.
Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Wann das Verfahren beendet sein wird und wie es ausgeht, lasse sich „nicht genau prognostizieren“. Bis dahin gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.
Diebstahl in afghanischen Geschäften?
Nach Erkenntnissen aus Bundeswehrkreisen sollen die Soldaten dem Fallschirmjägerregiment 31 der Luftlandebrigade 1 angehören. Die Elitekräfte sollen, so der Vorwurf, ihre Taten im militärischen Bereich des Flughafens begangen haben – in Geschäften, die von Afghanen betrieben wurden. In diesen Shops gab es unter anderem militärische Ausrüstung zu kaufen. Die bewaffneten Soldaten sollen sich T-Shirts und Patches (Stoffabzeichen für die Uniform) angeeignet haben. Auch von Messern ist die Rede.

Die Ermittlungen gegen die Kabul-Einsatzkräfte kamen bereits im vergangenen Jahr ins Rollen, als gegen das Fallschirmjägerregiment 26 wegen sexueller Übergriffe, Hitlergruß und Drogenmissbrauch ermittelt wurde. In den bundeswehrinternen Befragungen berichteten Soldaten von den Vorfällen in Kabul. Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums erklärte: „Die Wehrdisziplinaranwaltschaft hat nach Kenntnis eines möglichen Straftatbestands unverzüglich die Staatsanwaltschaft Kempten informiert und an diese abgegeben.“
In Kempten waren die Ermittler so alarmiert, dass sie den Generalbundesanwalt, der für Kriegsverbrechen zuständig ist, einschalteten – um prüfen zu lassen, ob es sich um Plünderungen handeln könnte. Die Sprecherin des Generalbundesanwalts teilte mit: „Der Sachverhalt wurde der Bundesanwaltschaft zur Prüfung möglicher Verstöße gegen das Völkerstrafgesetzbuch vorgelegt. Die hiesigen Ermittlungen haben einen solchen Verdacht ausgeräumt.“ Nach Informationen aus Ermittlerkreisen bedeutet dies: Auch wenn der Tatbestand eines Kriegsverbrechens nicht erfüllt ist, kann das deutsche Strafgesetzbuch zur Anwendung kommen. Dann geht es um Paragraf 244 – Diebstahl mit Waffen oder Bandendiebstahl. Das Strafmaß liegt zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft.
Pistorius über den Vorgang informiert
Offenbar existieren auch Fotos und Videos von den Vorfällen. Das Bundesverteidigungsministerium bestätigte, dass „im Zuge der Ermittlungen auch Bildmaterial ausgewertet wurde“. Es wurden jedoch „keine Handlungen identifiziert, die den Tatbestand der Plünderung erfüllen“.

Innerhalb der Bundeswehr wird die Schwere des Vorfalls unterschiedlich bewertet. Ein Angehöriger des Heeres meint: „Da haben Soldaten ihren Stress abgebaut, indem sie im Chaos dort ein paar Dinge mitgenommen haben.“ Ein Offizier aus dem Ministerium sieht das hingegen ganz anders: „Fremde Sachen zu klauen, mitten im Einsatz? So etwas darf niemals passieren. Das schädigt den Ruf der gesamten Bundeswehr.“
Der Fall ist so bedeutend, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius (66, SPD) und der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding (54), darüber informiert wurden.

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