Potsdam – Prof. Lothar Wieler (65), ehemaliger Leiter des Robert Koch-Instituts (RKI), hat das deutsche Gesundheitssystem während der schwersten Krise seit Jahrzehnten aus nächster Nähe erlebt. Als einer der zentralen Berater der Bundesregierung in der Pandemie beobachtete er, wie Deutschland bei der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung einen enormen Rückstand aufweist. „Die Patienten sind die Hauptleidtragenden“, bemängelt Prof. Wieler beim ‚Digital Health Innovation Forum‘ am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam, wo er heute im Bereich digitale Gesundheit forscht.

Seit langem fordern Fachleute grundlegende Veränderungen. Gesundheitsministerin Nina Warken (46, CDU) plant nun, aus 66 Expertenempfehlungen ein Sparpaket zu schnüren. Prof. Wieler kommentiert auf Nachfrage: „Bei diesen Vorschlägen handelt es sich zunächst um Einzelmaßnahmen, mit denen man kurzfristig Ressourcen einsparen kann. Strukturelle Reformvorschläge sollen erst Ende 2026 folgen.“ Die geplanten Schritte seien „sehr konkret und umsetzbar“.

Ob dies gelingt, bleibt offen. In der Vergangenheit wurden Chancen für eine intelligente Systemgestaltung verpasst. Ein Beispiel ist die Digitalisierung: Daten erreichen oft nicht die Stellen, an denen sie benötigt werden. Prof. Wieler erklärt: „In unserem aktuellen System werden hilfreiche Informationen systematisch nicht zum Wohl der Patienten genutzt.“ Erschwerend komme hinzu: „Viele Daten verbleiben in isolierten Silos: bei Krankenkassen, in Laboren, Arztpraxen, Betriebsstätten oder Krankenhäusern. Eine Vernetzung dieser Daten würde ihre Nutzung erheblich vereinfachen.“

Fehlende Anreize für intelligente Datennutzung

Die Ursache für diese anhaltende Datenlücke liegt in einem System, das sich selbst behindert. Nach Ansicht von Prof. Wieler wird das Gesundheitswesen von einem „starr agierenden Geflecht aus Interessengruppen“ beherrscht. Damit sind etwa Ärzteverbände oder Kliniken gemeint, die primär durch die Behandlung von Patienten Einnahmen erzielen müssen. „Unser Abrechnungssystem stellt nicht die erfolgreiche Patientenversorgung in den Vordergrund, sondern die Vergütung von Leistungen“, kritisiert Prof. Wieler. Ob eine Behandlung für den Patienten tatsächlich vorteilhaft sei, werde hierzulande nicht erfasst.

Prof. Lothar Wieler (65) forscht am Hasso‑Plattner‑Institut zur digitalen Gesundheit und leitet dort das Fachgebiet Digital Global Public Health. Der frühere Präsident des Robert Koch‑Instituts beriet die Bundesregierung in der Corona‑Pandemie und war von 2015 bis 2023 RKI‑Chef.

Die Konsequenz: „Auch Machtkartelle im Gesundheitswesen bremsen den Fortschritt aus.“ Ein Beispiel ist die Telemedizin. Während der Corona-Pandemie erfreute sich die Videosprechstunde großer Beliebtheit, doch in vielen Praxen wurde sie wieder abgeschafft, weil der finanzielle Anreiz größer ist, wenn Patienten persönlich erscheinen.

Veränderung nur durch externen Druck möglich

Andere Länder sind in dieser Hinsicht deutlich weiter. Prof. Wieler kooperiert mit dem Mount-Sinai-Hospital in New York. „Dort haben wir Zugriff auf 12 Millionen Patientenakten.“ Werden diese Daten intelligent analysiert und ausgewertet, „können Sie für diese Patienten außergewöhnlich präzise Diagnosen stellen.“

Wielers Prognose: Der Wandel wird kommen – allerdings nicht aus dem System selbst heraus. „Der Druck auf das System wird durch die Patienten zunehmen.“ Bereits heute konsultierten viele vor einem Arztbesuch KI-Systeme. Wieler sagt voraus: „Alte, hierarchisch denkende weiße Männer werden unter Druck geraten.“ Nur durch externen Druck sei es möglich, das Gesundheitssystem mit modernster Technologie auszustatten und für die Zukunft zu rüsten.