Ein harmloser Eiskaffee, ein defekter Glasstrohhalm – und nur wenige Tage später kämpft ein 23-Jähriger im Krankenhaus um sein Leben. Nach eigenen Angaben verliert Celal aus Waldshut-Tiengen (Baden-Württemberg) mehrere Liter Blut. Der junge Mann schildert, wie aus einem vermeintlich banalen Vorfall eine lebensbedrohliche Krise wurde – und warum er die ersten Warnsignale ignorierte.

„Während des Trinkens habe ich nichts bemerkt“, berichtet Celal. In einer lauen Nacht mixte er sich einen Eiskaffee und nutzte dafür einen Glasstrohhalm. Nachdem er sein Getränk geleert hatte, stellte er das Glas in die Küche. Erst am darauffolgenden Morgen erfuhr er von dem Defekt: Seine Mutter entdeckte, dass das untere Ende des Strohhalms abgebrochen war, und schrieb ihm davon. „Meine Reaktion war: ‚Ach Mama, da passiert schon nix‘“, erinnert sich Celal.

Als seine Mutter Celals Glas wegräumen will, entdeckt sie, dass das untere Ende gebrochen ist

Atemnot, Schmerzen und Blut im Stuhl

Zunächst blieb Celal von eindeutigen Symptomen verschont. Zwei Tage später verspürte er jedoch ein seltsames Gefühl am Gaumen. „Ich vermutete eine Verbrennung durch heißes Essen“, erklärt er. Am dritten Tag setzte schwarzer Stuhlgang ein – dennoch verzichtete er auf einen Arztbesuch. Da er regelmäßig trainiert und Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, führte er die Verfärbung auf diese zurück.

Sein Zustand verschlechterte sich jedoch zusehends. Beim Aufstieg in den fünften Stock erlitt Celal plötzlich einen Schwächeanfall. „Ich bekam keine Luft mehr, mein Kreislauf drehte sich durch. Es fühlte sich an, als würde ich sterben“, schildert er den dramatischen Augenblick. Dazu gesellten sich wiederkehrende Bauchschmerzen, die im Tagesverlauf kamen und gingen. „Nach dem Essen ließen die Schmerzen nach, doch nach einer halben Stunde kehrten sie zurück“, so Celal.

Behandlung mit Morphium

Celal versuchte, die Beschwerden mit herkömmlichen Schmerzmitteln zu lindern. Erst als er Blut im Stuhl bemerkte, schlug die Situation um. „Ich habe meine Mutter sofort informiert“, sagt er. Ihre Reaktion war eindeutig: „Ich fahre dich jetzt ins Krankenhaus. Das ist nicht normal.“ In der Notaufnahme berichtete er umgehend von dem möglicherweise verschluckten Glassplitter. Daraufhin leiteten die Ärzte Untersuchungen ein. „Es wurde Blut abgenommen und ich erhielt sechs Morphium-Spritzen, um die Schmerzen zu ertragen“, erzählt Celal.

Mehrere Operationen und Bluttransfusionen

Er wurde mit Infusionen und Kochsalzlösung versorgt und musste über Nacht in der Klinik bleiben. Der Schlaf blieb aufgrund der starken Schmerzen aus. Bei einer Magenspiegelung entdeckten die Mediziner eine Verletzung im Magen-Darm-Bereich, die als Ursache für die Blutung identifiziert wurde. Ein Clip wurde zur Behandlung eingesetzt.

In der Nacht folgte die erste Bluttransfusion, die Celal zunächst schlecht vertrug. „Ich bekam Schüttelfrost, mein Körper zitterte und ich hatte erneut Atemnot“, berichtet er. Anschließend wurde er in die Uniklinik Freiburg verlegt. „Der Arzt sagte meiner Schwester, ich hätte vier Liter Blut verloren.“ Die zweite Transfusion wurde zur körperlichen und seelischen Zerreißprobe: „Ich spürte nichts als Leere und Kälte. Ich blickte an die Decke, die immer heller wurde. Dann erinnere ich mich an eine Träne und völlige Dunkelheit. Laut Berichten stand mein Herz für 5–7 Minuten still.“ Er musste reanimiert werden. „Stück für Stück wurde mein Körper wieder warm. Herzschlag, Sauerstoff und Puls normalisierten sich langsam.“

14 Medikamente täglich

Auch Wochen nach dem Vorfall leidet Celal unter den Nachwirkungen. Acht Wochen lang muss er täglich 14 Medikamente einnehmen. Es wird Monate dauern, bis er sein gewohntes Leben wieder aufnehmen kann. Treppensteigen und längeres Gehen bereiten ihm weiterhin Schwierigkeiten, sein Herz rast und er braucht regelmäßige Pausen. Zudem meidet er Stress, da er mit Panikattacken zu kämpfen hat. „Ich spüre oft keine Emotionen mehr“, beschreibt Celal seinen Gefühlszustand. Mit seiner Geschichte will er andere warnen: Er hat sämtliche Glasstrohhalme entsorgt und möchte zeigen, wie schnell ein alltäglicher Gegenstand zur Lebensgefahr werden kann.

Wie riskant sind verschluckte Glassplitter?

Celals Fall wirft eine zentrale Frage auf: Welche Gefahr geht von einem Glassplitter im Körper tatsächlich aus? Dr. Christian Hermanns rät dringend dazu, bei einem Verschlucken sofort einen Arzt aufzusuchen oder den Rettungsdienst zu alarmieren. Er erläutert: „Wie groß oder scharfkantig die Splitter waren und ob sie an Engstellen Schäden verursachen können, lässt sich nicht immer zweifelsfrei feststellen – auch abhängig vom Alter des Patienten.“

Dr. med. Christian Hermanns (56) ist Facharzt für Anästhesiologie und als Notarzt mit der Zusatzbezeichnung „Notfallmedizin“ tätig. Seit fast vier Jahrzehnten arbeitet er im Rettungsdienst. Sein Fachgebiet umfasst unter anderem Rettungsmedizin und die Versorgung schwer erkrankter oder verletzter Patienten.

Sinnvoll sei es auf jeden Fall, die Überreste des zerbrochenen Glasstrohhalms oder des Glases zum Arzt oder ins Krankenhaus mitzunehmen, um den möglichen Verursacher zu identifizieren. Ein tragisches Ende wie bei Celal sei jedoch nicht zwingend: „Manche Splitter werden auf natürlichem Weg über Magen und Darm wieder ausgeschieden.“

Sind Glasstrohhalme also grundsätzlich riskant? Dr. Hermanns warnt: „Ich würde schon sagen, dass von Glasstrohhalmen eine Gefahr ausgeht, wenn sie zerbrechen. Es handelt sich um gehärtetes Glas, dessen Splitter etwa in der Speiseröhre stecken bleiben können.“ Zudem empfiehlt er: „Nach dem Gebrauch sollte man an eine gründliche Reinigung denken, etwa mit speziellen dünnen Bürsten, damit sich innen keine bakteriellen Rückstände bilden.“