Washington – Schon länger hatten die USA einen Teilrückzug aus der Nato in Aussicht gestellt. Nun liegt eine Aufstellung vor, die offenbart, welche Fähigkeiten die Allianz künftig nicht mehr von Washington erwarten kann. Wie WELT-Reporter Lars Petersen berichtet, hat dies schwerwiegende Folgen für Deutschland und Europa.

Die als vertraulich eingestufte Liste birgt enormen politischen Zündstoff für das Verteidigungsbündnis. Sie zeigt erstmals im Detail, welche militärischen Mittel Trump der Nato entziehen möchte. Die Europäer dürften dadurch vor immense Herausforderungen gestellt werden.

Das sind die Kürzungen im Überblick

▶︎ Tankflugzeuge: Bislang stellten die USA 71 ältere Maschinen vom Typ KC-135 bereit, künftig sollen es nur noch 63 sein. Die acht modernen Tankflugzeuge des Typs KC-46 sollen komplett aus der Nato-Planung gestrichen werden.

▶︎ Kampfjets: Bisher stellten die Amerikaner 99 F-16-Kampfjets und 54 F-15E zur Verfügung. Künftig sollen es 63 F-16 sowie 36 F-15E sein.

Die Zahl der bewaffneten Drohnen des Typs MQ-9 soll um fast die Hälfte reduziert werden
Die Zahl der bewaffneten Drohnen des Typs MQ-9 soll um fast die Hälfte reduziert werden

▶︎ Drohnen: Die USA ziehen sämtliche Langstreckenaufklärungsdrohnen aus der Nato-Planung zurück und reduzieren die bewaffneten MQ-9-Drohnen um annähernd die Hälfte.

▶︎ See-Einheiten: Eine der beiden Flugzeugträgerkampfgruppen soll abgemeldet werden, ebenso fast die Hälfte der Kreuzer- und Zerstörerverbände. Die Unterwasserfähigkeiten für den Start von Marschflugkörpern werden ebenfalls aus der Planung genommen. Die 26 Seeaufklärer vom Typ Boeing P-8A Poseidon werden auf 15 reduziert.

▶︎ Bomber-Verbände: Von zwei Bomberverbänden wird einer zurückgezogen.

Die 26 Seeaufklärer vom Typ Boeing P-8A Poseidon werden auf 15 zusammengestrichen
Die 26 Seeaufklärer vom Typ Boeing P-8A Poseidon werden auf 15 zusammengestrichen
Das Innere einer Boeing P-8A Poseidon: Auch die Bundeswehr verfügt über Seeaufklärer, jedoch mit acht Flugzeugen nicht in der erforderlichen Stückzahl
Das Innere einer Boeing P-8A Poseidon: Auch die Bundeswehr verfügt über Seeaufklärer, jedoch mit acht Flugzeugen nicht in der erforderlichen Stückzahl

Bereits am Freitag hatten US-Vertreter die Nato in einer nichtöffentlichen Sitzung mündlich vorgewarnt. Demnach sollten die Kürzungen vor allem das „Nato Force Model“ betreffen. Dieses Modell legt fest, wie viele und welche Truppen die Allianz innerhalb von zehn Tagen, zwischen zehn und 30 Tagen sowie innerhalb von maximal sechs Monaten an die Front verlegen kann. Die Mitgliedsländer machen dazu sogenannte Fähigkeitsangebote für Land-, See- und Luftstreitkräfte.

Liste stellt Nato vor Probleme

Die Ankündigungen machen deutlich, dass die USA ihren außen- und sicherheitspolitischen Schwerpunkt in den Pazifik verlagern. Besonders Fähigkeiten auf See und zur Luftüberlegenheit werden dort militärstrategisch benötigt. Dass dabei teilweise fast die Hälfte oder sogar alle „Force Elements“ für die Nato gestrichen werden, dürfte die Europäer vor enorme Herausforderungen stellen und die Frage aufwerfen, ob sie diese Lücken schließen können.

Die 32 Nato Staaten
Die 32 Nato Staaten

Die Bundeswehr verfügt zwar über Seeaufklärer, aber mit acht Flugzeugen nicht in der erforderlichen Stückzahl – und vermutlich würden ohnehin nicht alle der Nato angeboten. Ein harter Schlag dürfte auch die drastische Reduzierung der Drohnenfähigkeiten sein, insbesondere bei den bewaffneten MQ-9-Systemen. Europa baut seine Kapazitäten in diesem Bereich gerade erst signifikant auf.


Die Nato äußert sich nicht zu den konkreten Zahlen. Sprecherin Allison Hart gibt sich jedoch optimistisch: In der Vergangenheit habe es eine übermäßige Abhängigkeit von den Streitkräften und Fähigkeiten der USA gegeben, sagt sie. Da Europa und Kanada jedoch verstärkt in die Verteidigung investierten und mehr Fähigkeiten aufbauten, könne sich das Gleichgewicht der Verantwortlichkeiten verschieben.