Düsseldorf/Herford (NRW) – Schlägereien auf dem Pausenhof, Einschüchterungsversuche gegenüber Lehrpersonal, fehlende Disziplin im Klassenzimmer, sogar Prostitution in den Schultoiletten: Die Schilderungen einer Pädagogin aus Nordrhein-Westfalen über Gewalt und Ausnahmezustände im Schulalltag haben deutschlandweit hohe Wellen geschlagen.

Nun melden sich weitere Lehrkräfte mit eindringlichen Appellen zu Wort, die ähnliche Missstände aus eigener Praxis bestätigen.

Birgit Ebel, seit zwei Jahrzehnten als Lehrerin für Deutsch und Geschichte an unterschiedlichen Bildungseinrichtungen tätig, davon 15 Jahre an einer Gesamtschule in Herford, erklärt: „Was die Kollegin schildert, entspricht für viele von uns dem täglichen Wahnsinn. Wir stehen an einer Front, die allgegenwärtig ist, aber gerne übersehen wird. Wir sind Anfeindungen, Missachtung und Gewalt ausgesetzt. Und wenn wir Unterstützung einfordern, bleibt diese oftmals aus.“

Sabine S. (65), die zwei Jahrzehnte lang eine Haupt- und Realschule in Königstein (Hessen) als Direktorin leitete und seit einem Monat im Ruhestand ist, äußert sich kritisch: „Es ist bedrückend, dass die Politik die Missstände ignoriert. An meiner Schule war die Zuwanderung einer der zentralen Konfliktfaktoren. Ein Großteil der Schülerschaft sprach kein Deutsch. Wie sollten sie es auch lernen? Ich hatte geflüchtete Kinder ohne Papiere, die sich als 14-Jährige ausgaben. Sie hatten alle Vollbärte und waren eindeutig 17 oder 18 Jahre alt.“

Gewalttaten an Schulen ( Ki Generiert )

Lehrerin berichtet: „Schüler titulierten mich als ,Hure‘“

Auch Birgit Ebel hat den Schuldienst mittlerweile quittiert. Zuletzt war sie in einem Projekt engagiert, das psychisch stark belastete Jugendliche außerhalb des regulären Unterrichtsbetriebs fördert. Die Pädagogin erinnert sich an zahlreiche Vorfälle aus ihrer aktiven Zeit. „Ein Schüler schlug mir die Tür ins Gesicht. Andere zerrten an meinem Stuhl oder traten dagegen, während ich darauf saß“, schildert die frühere Lehrkraft. Besonders die permanenten Beleidigungen hätten ihr zugesetzt. „Acht- und Neuntklässler nannten mich regelmäßig ,Hure‘ oder bezeichneten mich als ,Sau‘.“ In einem Fall sei sie von einem Schüler massiv bedroht worden. „Seine Worte waren: ,Ich ziehe dir eine Faust.‘“ Ebel erstattete daraufhin Strafanzeige, das Verfahren wurde jedoch später eingestellt.

Ihre Erfahrungen decken sich mit den Erhebungen der Polizeilichen Kriminalstatistik: Für das Jahr 2024 wurden 28.760 Gewaltdelikte an deutschen Schulen registriert – ein neuer Höchststand mit steigender Tendenz. Daten für das Jahr 2025 liegen derzeit noch nicht vor.

„Hunderte Heftzwecken auf meinem Sitzplatz“

Ein anderer Schüler habe sie über einen langen Zeitraum hinweg drangsaliert. „Eines Morgens fand ich etwa hundert Heftzwecken auf meinem Stuhl. Das Belastendste war jedoch nicht das Verhalten der Schüler selbst, sondern die Tatenlosigkeit der Schulleitung. Ich fühlte mich häufig im Stich gelassen.“ Die Schwierigkeiten endeten für sie nicht am Schultor. Insbesondere nach ihren öffentlichen Äußerungen zu islamistischen Strömungen und ihrer Solidarität mit den Opfern des Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023 wurde sie zur Zielscheibe: „Ich erhielt tausende Hassnachrichten. Mein Fahrzeug wurde zerkratzt. In den sozialen Netzwerken wurde dazu aufgerufen, meine Privatadresse zu ermitteln. Ich empfand dies als extreme Bedrohungslage.“

Die Polizeistatistik weist für das Jahr 2024 bereits 1283 Lehrkräfte als Opfer einfacher Körperverletzung aus – der höchste Wert seit Beginn der Erfassung. Zusätzlich wurden 557 schwere Gewaltdelikte registriert. Die Dunkelziffer dürfte allerdings deutlich darüber liegen.

Die pensionierte Schulleiterin Sabine S. schildert zudem kulturelle und religiöse Spannungen an ihrer Einrichtung: „Die Denkweise vieler Schüler war äußerst problematisch. Ihr Frauenbild war verheerend. Der Vater eines Schülers verweigerte das Gespräch mit mir als Schulleiterin, schlicht weil ich weiblich bin. Ein 14-jähriger syrischer Schüler zeigte bereits früh Radikalisierungstendenzen. Im Unterricht sagte er zu mir: ‚Als Moslem darf ich hundert Menschen töten. Handle ich das mit reinem Gewissen vor Allah, ist mir das Paradies gewiss.‘ Ich meldete den Vorfall umgehend. Der Jugendliche wurde in ein Deradikalisierungsprogramm vermittelt. Später erhielt ich die Auskunft, es bestehe keine Gefahr.“

„Regulärer Unterricht häufig nicht durchführbar“

Birgit Ebel bestätigt ebenfalls die Berichte über chaotische Unterrichtsbedingungen: Viele Schüler hätten erhebliche sprachliche Defizite aufgewiesen. Die Erreichbarkeit der Eltern sei für das Lehrpersonal äußerst schwierig gewesen. Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund habe an ihrer Schule bei 80 Prozent gelegen. „Für Elterngespräche brauchten wir Dolmetscher. Manche Eltern konnten die schriftlichen Mitteilungen der Schule nicht einmal entziffern.“ Auch Gewalt sei ein permanentes Thema gewesen. „Messer in Schultaschen, Drogenvorfälle oder ernsthafte Einschüchterungen gehörten zu unserem Alltag. Über Prostitutionsfälle im schulischen Kontext wurde ich ebenfalls aus meinem Umfeld informiert.“

Die Pädagogin fordert Konsequenzen: „Ich habe bereits vor Jahren eine doppelte Klassenbesetzung angemahnt. Eine einzelne Lehrkraft war der Situation oftmals nicht mehr gewachsen. Wir brauchen mehr Lehrpersonal, mehr Sozialarbeiter und unabhängige Anlaufstellen, die Pädagogen bei Bedrohungen zur Seite stehen. Brennpunktschulen dürfen nicht sich selbst überlassen werden. Die Probleme verschwinden nicht, indem man wegschaut.“