Berlin – Nach seinem Wahlsieg am Abend des 23. Februar 2025 rief CDU-Chef Friedrich Merz (70) seinen Anhängern zu: „Jetzt darf auch mal Rambo-Zambo im Adenauer-Haus sein.“ Rambo-Zambo (eigentlich heißt es Rambazamba – aber sei‘s drum)? Wenn Merz das bislang vermisst hat, jetzt ist es so weit: Es brennt lichterloh! In Partei und Fraktion rumort es wie seit Langem nicht mehr gegen einen Parteivorsitzenden und Kanzler. Hat Merz mit dem Versuch, den über die US-Leihmutter gestürzten Fraktionschef Jens Spahn zu ersetzen, alle gegen sich aufgebracht?

Morgen soll die Fraktion ihren Spahn-Nachfolger wählen: Thorsten Frei, bis vor Kurzem noch Kanzleramtschef bei Merz, soll neuer Fraktionsvorsitzender werden. Die Gefahr: Dass Frei zum Prügelknaben für Merz wird und die Wahl für ihn zur Denkzettel-Abstimmung gerät. Die Hoffnung: Dass man Frei in der Fraktion mag und ihn nicht stellvertretend für Merz abstraft.

Der Kanzler ist heute auf Blitzbesuch in Irland (EU-Angelegenheiten), doch daheim in seiner CDU lodert das Feuer: In der Union schickt man sich sarkastisch den Loriot-Sketch „Das Bild hängt schief“ zu: Ein Bild soll geradegerückt werden – am Ende ist alles umgefallen und von der Wand gestürzt. Titel in Unions-Chats: „Der Kanzler am Werk“.

Dabei war Merz mit einem Reformpaket und demonstrativ guter Laune in den Sommer gestartet – doch jetzt reden alle wieder über seine Fehler, niemand über Erfolge: Spahn weg, Chaos da. Die lange geforderte und überfällige Kabinettsreform: völlig aus dem Ruder gelaufen. Richtige Entscheidungen, falsche Vorgehensweise. Kommunikationschaos, Machtlosigkeit, Beraterschwäche. Die Chance auf Aufbruch und Neuanfang: vertan. Und die versprochene Wirtschaftswende bleibt aus: Ein Aufschwung ist nirgends in Sicht.

Abserviert, übergangen, beschämt

Ein Kanzler, dem ein Abgeordneter nachts nach Zusage eines Ministeramtes wieder absagt. Ein Kanzler, der mit denen, die er feuern will, nicht vernünftig spricht. Oder gar nicht:

  • Noch-Verkehrsminister Patrick Schnieder wurde im Island-Urlaub telefonisch abserviert – ohne geregelte Nachfolge. Die rheinland-pfälzische CDU-Landtagsfraktion lud Merz daraufhin aus. Schnieders Bruder Gordon, Wahlsieger im früheren Helmut-Kohl-Land, ist stocksauer. Merz kannte bei seiner Machtentscheidung keine Familie – Gordon Schnieder schon. „House of Cards“ trifft „Die Sopranos“ – in der deutschen Provinz.

  • Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer erfuhr, dass seine Parteifreundin Christiane Schenderlein als Sportstaatsministerin abberufen wird – ebenfalls ohne Nachfolger. Kretschmer aus dem Paddelurlaub: „Ich habe diesen Wechsel überhaupt nicht verstanden.“ Begründet wurde er nicht. Merz versucht offenbar, eine Ex-Fußballerin zu gewinnen. Ergebnis: offen.

  • Auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wollte Merz offenbar ersetzen. Sie blieb nach einem langen Gespräch nachts im Kanzleramt. Aber auch SIE hat ER öffentlich geschwächt. Ihre Staatssekretärin Gitta Connemann, zugleich Mittelstandsbeauftragte, wechselt ins Digitalministerium. Neuer Staatssekretär wird Johannes Steiniger aus Rheinland-Pfalz. Signal an Reiche: Der könnte mal ihr Nachfolger werden.

  • Gesundheitsstaatssekretär Tino Sorge sagt, er habe von seiner Entlassung aus der Presse und Merz’ Pressekonferenz erfahren. Natürlich bringt ein neuer Minister neue Leute mit. Aber macht man das so? Noch dazu: Sorge ist einer der wenigen aus dem Osten – aus Sachsen-Anhalt, wo in nicht einmal sechs Wochen gewählt wird. Sorge verabschiedete sich laut: Seine Entlassung sei ihm ein Geheimnis. Er hoffe, sie folge „einer übergeordneten Logik“. Heißt: Merz allein weiß, warum er gerade den Laden anzündet.

Lachen vergangen: die Gebrüder Schnieder, Patrick und Gordon (r.)

Union im freien Fall – und die AfD lacht

Rambo-Zambo! Bei der Bundestagswahl wollte Merz 30 Prozent plus x. Es wurden 28,8. Die AfD wollte er halbieren – jetzt liegt sie bei 28 Prozent, die Union je nach Institut bei 20 bis 24 Prozent. Tendenz: abwärts. So fing es bei der SPD auch mal an.

Dass in der CDU-Führung die Sicherungen durchbrennen, zeigte sich am Montag: Im Präsidium gab es heftige Kritik an Merz’ Führungsstil – und sie wurde sofort öffentlich. Bremens CDU-Chef Heiko Strohmann: „Sie leiten hier keine Firma, sondern eine Partei.“ Bemerkenswert: Niemand in der Führung, der Merz verteidigt hätte. Zwei, die dabei waren, reden von Mitleid, das sie plötzlich hatten. Kanzler ohne Beistand.

Drei Ostwahlen – und kein Schutzwall mehr

Die Frage: Kommt jetzt Ruhe in die Kanzlertruppe? Denn die Probleme werden nicht kleiner. Nicht für Merz als Kanzler, nicht als CDU-Chef, nicht als Chef der Koalition.

  • Im Herbst sind drei Ostwahlen. In Sachsen-Anhalt droht der CDU der Verlust des Ministerpräsidentenamtes an die AfD. In Mecklenburg-Vorpommern droht der CDU ein SPD-Ergebnis: 9 Prozent! Berlin könnte an Rot-Rot-Grün fallen. Zwischen diesen Pleiten und Merz steht keine Sicherung mehr: Generalsekretär Carsten Linnemann wurde zum Gesundheitsminister befördert. Im Osten sagt man schon jetzt, wer schuld an den möglichen Niederlagen sein wird: Berlin – und damit Friedrich Merz. Die Frage ist nur, wie laut sie es danach sagen.

  • In NRW hat Merz’ Konkurrent Hendrik Wüst Ende April 2027 Landtagswahl. Gegenwind aus Berlin kann er nicht gebrauchen.

Rambo-Zambo – oder ruckelt es sich doch noch ein? Kleiner Sommer-Trost für Merz: Noch muss er keinen offenen Putsch fürchten.