Frankfurt/Palm Beach – Mit Neckermann hielt das Wirtschaftswunder Einzug in die deutschen Wohnzimmer. Josef Neckermann (†79) formte ein Milliarden-Imperium und machte „Neckermann macht’s möglich“ zum Leitmotiv einer ganzen Ära. Sein Sohn Johannes (84) wuchs im Zentrum dieser Erfolgsgeschichte auf und musste später miterleben, wie die Familie die Kontrolle über ihr Lebenswerk verlor. Heute genießt er das Leben im sonnigen Florida. Eine Nachrichtenagentur traf Johannes Neckermann exklusiv während eines seiner seltenen Besuche in seiner Heimatstadt Frankfurt.
Wenn der Sohn des Unternehmensgründers auf den Niedergang des Familienbetriebs zu sprechen kommt, richtet sich sein Blick rasch auf das Jahr 1976. Für ihn markierte dieses Datum die entscheidende Zäsur: „Das war die erste feindliche Übernahme in Deutschland.“ Gemeint ist der Einstieg des Warenhauskonzerns Karstadt bei Neckermann vor einem halben Jahrhundert. „Karstadt hat den Übernahmevertrag diktiert. Mein Vater konnte sich nicht sehr wehren“, erinnert sich Johannes Neckermann. Die Verhandlungen und vertraglichen Details seien damals aus seiner Sicht bewusst in die Länge gezogen worden.

Der Machtverlust der Familie
Dass die Familie in jener Zeit überhaupt auf einen Partner angewiesen war, stellt Johannes nicht in Abrede. Das Kernproblem war die finanzielle Ausstattung. Er erklärt: „Die Firma hatte immer eine schlechte Kapitalisierung. Daran sind wir am Ende gescheitert.“ 1976 verzeichnete der Konzern einen Fehlbetrag von 221,95 Millionen D-Mark. Die Familie benötigte dringend Unterstützung. Josef Neckermann hätte sich nach den Erinnerungen seines Sohnes eine andere Lösung gewünscht: den Gang zu Otto! Neckermann: „Das war meinem Vater am liebsten. Zwei Familienunternehmen, zwei Versandhändler. Das hätte viel besser geklappt. Aber mein Bruder Peter kam eben mit Karstadt.“ Vor allem galt es für Josef Neckermann, eine Insolvenz zu verhindern. Johannes: „Mein Vater wollte das Unternehmen nicht in Konkurs gehen lassen. Das hätte er nicht ertragen.“ Im Juli 1976 wurde der Einstieg von Karstadt publik. Bereits 1977 hielt der Kaufhauskonzern 51,2 Prozent der Anteile und damit die Mehrheit. Josef Neckermann verlor die Verfügungsgewalt über das Unternehmen, das seinen Namen trug.


Mitten in der Unternehmenskrise erlitt Johannes den schwersten persönlichen Schicksalsschlag. Seine Ehefrau Ingrun, einst zur Miss Germany und Miss Europe gekürt, starb 1977 im Alter von nur 36 Jahren bei einem Autounfall in Frankreich. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Johannes: „Der Jüngste war zwei Jahre alt. Das war eine schwere Zeit.“

Ein Jahr darauf zog Johannes Neckermann beruflich einen Schlussstrich. 1978 verließ er das Unternehmen als letztes Mitglied der Familie Neckermann. Auslöser für seinen Abschied war ein Streit mit der neuen Führungsebene, die den legendären Werbeslogan „Neckermann macht’s möglich“ abschaffen wollte: „Ich habe mich mit dem Vorstand angelegt und gesagt: Wenn Sie den Slogan killen, machen Sie ungefähr die Hälfte des Umsatzes kaputt.“ Das Management jedoch drängte auf einen Kurswechsel. „Die sagten: Wir müssen neuen Wind in das Unternehmen bringen, neue Ideen und eine ganz neue Philosophie.“ Als zusätzlich Unternehmensberater ins Haus geholt wurden, schwand die letzte Hoffnung. „Als sie McKinsey reingebracht haben, habe ich schon gesagt: Jetzt ist das der Anfang vom Ende.“ Sein Urteil über die Ära unter Karstadt fällt bis heute vernichtend aus: „Kaufhausleute können kein Versandhaus führen.“

Die dunkle Vorgeschichte des Imperiums
Die unternehmerische Laufbahn von Josef Neckermann begann allerdings lange vor dem Wirtschaftswunder – und sie hat eine dunkle Seite. Während der NS-Zeit profitierte Neckermann von der „Arisierung“ jüdischer Betriebe. 1938 übernahm er unter anderem das Textilunternehmen des jüdischen Kaufmanns Karl Amson Joel, des Großvaters des späteren US-Superstars Billy Joel (77). Nach dem Krieg entbrannte ein Rechtsstreit um Entschädigung. 1957 einigte man sich in einem Vergleich, in dessen Rahmen Josef Neckermann zwei Millionen D-Mark an Karl Amson Joel zahlte.

Als Neckermann Deutschland glücklich machte
Das Versandhaus, das später Generationen von Deutschen prägte, nahm 1950 in Frankfurt seinen Betrieb auf. Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können. Nach Krieg, Zerstörung und Entbehrung verspürten die Menschen ein großes Verlangen nach Konsum: neue Kleidung, Möbel, ein Kühlschrank, später Fernseher und Automobile. Neckermann setzte auf hohe Stückzahlen zu niedrigen Preisen und lieferte die Ware direkt an die Haustür. Bereits 1954 gab es einen Pullover für nur 2,50 D-Mark. Für unzählige Familien wurde der Katalog zum Fenster in eine neue Welt.

„Neckermann macht’s möglich“
Aus dem Versandgeschäft entwickelte sich ein Mischkonzern. Es kamen Warenhäuser, Reiseangebote, Versicherungen und Fertighäuser hinzu. 1961 avancierte „Neckermann macht’s möglich“ zum Werbeslogan und entwickelte sich rasch zu einem geflügelten Wort der Wirtschaftswunderzeit. 1973 beschäftigte der Konzern 19.254 Angestellte. Johannes Neckermann wuchs inmitten dieser Welt auf. Leistungsbereitschaft wurde früh vorausgesetzt. Neben der Schule betrieb er intensiv den Reitsport und startete eigenen Angaben zufolge bereits mit 14 Jahren in schweren Springprüfungen. Später trat er in das Familienunternehmen ein. Bereits mit 26 Jahren arbeitete er in den Bereichen Marketing und Vertrieb.

Neckermann ging früh ins Netz
Noch in den 90er-Jahren galt Neckermann als Branchenriese: mehr als acht Millionen potenzielle Kunden, 120 Millionen Mark Online-Umsatz. Mit Blick auf Amazon sagt Johannes: „Fantastisch. Das hätten wir machen müssen.“ Tatsächlich soll Amazon Ende der 90er bei Neckermann vorgesprochen haben. Ein ehemaliger Betriebsrat: „Amazon war sogar im Haus! Die wollten einsteigen. Aber intern dachte man, die eigene Marke sei stark genug.“

Neckermann: „Die haben sich da einen Prunk hingebaut“
Johannes Neckermann übt zudem scharfe Kritik am damaligen Führungsstil. Über die Vorstandsetagen sagt er: „Die haben sich da einen Prunk hingebaut, der überhaupt nicht zum Unternehmen gepasst hat. Die haben gedacht, sie wären die Vorstände von Volkswagen oder sonst was.“ Bei seinem Vater sei das anders gewesen: „Da hat man geklingelt, und dann ist man reingekommen.“ Später seien die Vorstandsräume „quasi bunkersicher“ gewesen.

Nach 62 Jahren war alles vorbei
Am Ende gehörte Neckermann dem US-Finanzinvestor Sun Capital. Als der Eigentümer keine weiteren Mittel für die geplante Sanierung bereitstellte, meldete das Unternehmen am 18. Juli 2012 Insolvenz an. Zu diesem Zeitpunkt waren noch rund 2400 Menschen für Neckermann tätig. 62 Jahre nach der Gründung war das Kapitel beendet. Johannes Neckermann hatte sich längst ein neues Leben aufgebaut. Nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen eröffnete er eine Galerie für Alte Meister, später zog es ihn in die USA. Heute ist Florida seine Heimat. Einmal im Jahr kehrt er nach Deutschland zurück. Mit ihm kommen die Erinnerungen an eine Epoche, in der sein Familienname auf Millionen Paketen prangte.









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