CRANS-MONTANA – Frische Videobeweise vom Neujahrstag 2026 zeichnen ein neues Bild der Katastrophe in der Bar „Le Constellation“. Die Überwachungsaufnahmen belegen: Ein Fluchtweg im Erdgeschoss wurde exakt eine Minute vor dem Brandausbruch verschlossen – und entwickelte sich damit zur tödlichen Barriere.

Wie die Zeitung „24 heures“ am Montag mitteilte, nutzte am 1. Januar 2026 um 1.26 Uhr ein Bekannter einer Bedienung genau diesen Zugang, um die Bar zu betreten. Unmittelbar danach streckte er seinen Arm zum Türrahmen und senkte ihn wieder. In 2,02 Metern Höhe befindet sich dort ein Riegel, der später Rettungskräften den Zutritt behinderte und Fliehenden den rettenden Weg abschnitt. Um 1.27 Uhr entzündeten Funkenfontänen an einer Champagnerflasche die Schaumstoffdecke im Keller.

Fontänen in Champagnerflaschen hatten das Feuer ausgelöst
Fontänen in Champagnerflaschen hatten das Feuer ausgelöst

Betreiber weist Verantwortung von sich

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis äußerte sich am Montag auf Anfrage nicht zu den neuen Erkenntnissen über den Brand. Barbetreiber Jacques Moretti (49) hatte zuvor erklärt, nach dem Notruf seiner Frau die Tür von außen aufgebrochen und dahinter mehrere leblose Personen vorgefunden zu haben. Aufnahmen der Spurensicherung zeigen einen verbogenen Metallschieber. Moretti bestritt jedoch, jemals eine Anordnung zum Verschließen dieser Tür erteilt zu haben. Es habe sich um eine „Servicetür“ gehandelt, die von Mitarbeitern und Gästen zum Rauchen genutzt worden sei. Er beschuldigte einen Angestellten, die Tür eigenmächtig verriegelt zu haben.

Anwalt der Opfer widerspricht

Die Zeitung „24 heures“, die im Besitz eines Polizeiberichts ist, zitiert hingegen einen Sicherheitsmitarbeiter. Demnach soll Jessica Moretti (40) in der Silvesternacht mit Angestellten darüber gesprochen haben, „nur einen Eingang offen zu halten, um zu verhindern, dass Personen über andere Wege eindringen“. Konkret: Gäste ohne Eintrittskarte sollten draußen bleiben, potenzielle Nichtzahler nicht entkommen. Opferanwalt Jean-Claude Guidicelli sagte der Zeitung: „Wenn die Anweisung lautete, diese Servicetür geschlossen zu halten, dann ging dieser Befehl von der Familie Moretti aus und von niemandem sonst.“

Die Betreiber der Todes-Bar: Jacques (49) und Jessica Moretti (40)
Die Betreiber der Todes-Bar: Jacques (49) und Jessica Moretti (40)

Fluchtweg oder nicht?

Jacques Morettis Verteidiger Nicola Meier bezeichnete den verschlossenen Zugang als „eine absolute Tragödie“. Drei Leichen wurden dort geborgen, die übrigen im Keller. Die Servicetür sei jedoch nie als Notausgang vorgesehen gewesen, sagte er laut Bericht: „Es ist schlicht undenkbar und verstößt gegen Brandschutzbestimmungen, sie als Fluchtweg nutzen zu wollen.“

Doch in einem Bericht der Kantonalen Feuerwehr vom 26. Oktober 2015 heißt es: „Die bestehende Westtür gilt als Notausgang und Fluchtweg für das Gebäudeinnere und wird entsprechend gekennzeichnet.“ Moretti will dieses Dokument nie zu Gesicht bekommen haben. Nach vorliegenden Informationen sagte er im Verhör: „Die Servicetür, die Zugang zu den Einkaufspassagen bietet, ist nicht als Notausgang gekennzeichnet.“ Der zweite Notausgang im Keller war mit einem Barhocker blockiert. Auch dort fanden sich drei Leichen.

Ein Barstuhl versperrte den Weg zum Notausgang
Ein Barstuhl versperrte den Weg zum Notausgang

Laut Polizeibericht hielten sich in der Silvesternacht 164 Personen in der Bar auf, 132 davon im Keller – zugelassen waren lediglich 100. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis ermittelt derzeit gegen neun Personen wegen fahrlässiger Tötung und Verstößen gegen Brandschutzvorschriften. Darunter befinden sich das Betreiber-Ehepaar sowie aktuelle und ehemalige Mitarbeiter der Gemeinde.