Wien – Was zunächst wie eine beunruhigende Funkstille wirkte, entwickelte sich für eine Familie zu einem Albtraum: Am Freitag (7. August) verloren sich die Spuren der Israelinnen Mali (50) und Liel Yahalomi (23) während einer Reise in Wien. Als Mutter und Tochter am Dienstag ihren Rückflug verpassten, stand für Ronen Yahalomi (55) fest, dass etwas nicht stimmte. Der Bruder der Vermissten bezeichnet diesen Moment als „die Stunde der Wahrheit“. Im Gespräch schildert der Israeli die qualvolle Suche und erklärt, warum er trotz aller Ängste nicht aufgibt. Eine Frage lässt ihn nicht los: Wo sind Mali und Liel?

Bruder sucht in Wien nach Antworten

Als seine Mutter ihm am 10. August mitteilte, dass der Kontakt abgerissen sei, bewahrte Ronen zunächst die Fassung. „Man ist nicht immer erreichbar, man hat nicht immer die Kraft“, sagt er. Doch als einen Tag später die Plätze von Mali und Liel Yahalomi im Flugzeug leer blieben, habe sich seine Sichtweise „um 180 Grad“ verändert, so seine Worte. Er reiste daraufhin nach Wien. Der Israeli betont, dass es sich dabei nicht um eine Suchaktion handle. Seine Rolle bestehe darin, vor Ort Kontakte zu knüpfen, Öffentlichkeit herzustellen und die Familie zu stützen. „Es entwickelt sich weiter“, sagt er.

Ronen Yahalomi (55) in Wien. Er ist der Bruder der vermissten Mali Yahalomi (50)
Quelle: Privat

Neue Hoffnung durch die Ermittler

In der österreichischen Hauptstadt traf Ronen Yahalomi den israelischen Konsul und führte Gespräche mit dem Botschafter. Zudem telefonierte er mit dem österreichischen Ermittler, der den Fall betreut. Er habe den Eindruck gewonnen, dass die Ermittlungen „auf eine höhere Ebene gehoben wurden“.

Besonders zuversichtlich stimmte ihn jedoch die Unterstützung der israelischen Behörden. Über den Polizeivertreter sagt er: „Er hat sich wirklich ins Zeug gelegt. Ich kann die Augen schließen und ich weiß, dass da ein Mensch ist, der auf professioneller Ebene vermittelt und koordiniert.“ Nach dem Gespräch habe er sich „auf psychischer Ebene ermutigt“ gefühlt.


Spur führt zum Hauptbahnhof

Eine entscheidende Spur bleibt die Handy-Ortung. Laut Ronen Yahalomi befand sich eines der Telefone seiner Schwester und Nichte während des Schabbats (jüdischer Ruhetag von Sonnenuntergang am Freitag bis Samstagabend) im Bereich des Wiener Hauptbahnhofs. Ob Mali oder Liel Yahalomi tatsächlich dort waren, kann bislang niemand bestätigen.

In diesem Haus hatten die beiden Frauen über Airbnb eine Wohnung gemietet
Quelle: Aus dem Internet

Auch die Wiener Airbnb-Wohnung beschäftigt die Ermittler. Die beiden hatten ein Studio in der Hartmanngasse im 5. Wiener Gemeindebezirk Margareten gemietet. Nach der Ankunft hatten Mutter und Tochter der Familie ein Video davon geschickt. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen sie dort übernachtet haben. Als die Polizei die Räume durchsuchte, waren sie jedoch leer. Es wurden keine persönlichen Gegenstände gefunden. Warum Mutter und Tochter die Unterkunft offenbar nur für kurze Zeit nutzten und anschließend möglicherweise während des Schabbats wieder aufbrachen, ist bislang völlig unklar. Für die Familie gehört genau das zu den rätselhaftesten Aspekten des Falls.

Familie kämpft gegen Gerüchte

Ronen Yahalomi berichtet, die Vermissten seien erfahrene Reisende gewesen und Europa sei für beide kein unbekanntes Terrain. Die Tour selbst sei eine komplette Überraschung für seine Schwester gewesen. Seine Nichte Liel habe die gesamte Reise organisiert, die Flüge gebucht und sowohl die Unterkünfte in Prag (von hier wollten sie wieder nach Hause fliegen) als auch in Wien reserviert. Ronen zeichnet zudem das Bild einer eng verbundenen Familie. Seine Schwester Mali Yahalomi arbeitet seit vielen Jahren bei der Bank Jerusalem. Sie und ihr früherer Mann sind seit mehr als 20 Jahren geschieden. Nach Angaben der Familie verlief die Trennung ohne größere Konflikte. Zwar hätten die Ex-Partner heute kein enges Verhältnis mehr, dennoch mache sich auch der Vater von Liel in Israel große Sorgen um die beiden.

Mali Yahalomi zog ihre beiden Kinder allein groß, berichtet ihr Bruder. Seine Nichte habe Grafikdesign studiert. „Ein normales Leben, sie haben gut funktioniert“, sagt er. Mutter und Tochter seien religiös, aber lebten „nicht in einer verschlossenen und isolierten Welt“. Mit Nachdruck weist er Spekulationen über angebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten in der Bank zurück und sagt: „Ein Luxusleben hat meine Schwester sicher nicht geführt.“ Auch einen Abschiedsbrief habe die Familie nicht gefunden. Sie bittet darum, die Ermittlungen nicht durch Gerüchte zu behindern.