New York – Es geschieht im Nu: In der Dunkelheit wird ein Gullydeckel geöffnet. Mehrere Personen, ausgerüstet mit Stirnlampen, Taschenlampen und Werkzeug, verschwinden durch die enge Öffnung in die Tiefe – in das Abwassersystem unter New York City. Später tauchen sie an einer anderen Stelle wieder auf, mitten auf der Straße. Autofahrer müssen ausweichen. Dann sind sie weg. Ohne eine Spur. Überwachungskameras haben die unheimlichen Szenen aufgezeichnet: die Bilder sind körnig, unscharf – und rätselhaft.
Seit Tagen beschäftigt die Bewohner New Yorks eine Frage: Was treiben diese Männer nachts in der Kanalisation der Metropole? Wer sind die Gestalten, die von US-Medien als „Maulwurfleute“ bezeichnet werden? Einige Vorfälle sind gut dokumentiert: Am 5. Mai zeigt ein Überwachungsvideo drei Personen in Wathosen, die in Queens in einen Schacht steigen. Am 29. Mai filmte eine Kamera frühmorgens eine siebenköpfige Gruppe, die in Brooklyn aus einem Kanaldeckel kroch. Noch am selben Tag wurden weitere Personen an einem anderen Ort des Stadtteils gesichtet.
Polizei ermittelt bisher ohne Erfolg
Die Stadt reagiert fasziniert und besorgt. Die New Yorker Polizei (NYPD) ermittelt bislang erfolglos. Denn die Vorfälle lassen kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft die Sicherheitsbedenken wachsen. New York ist ein Anziehungspunkt für viele Fans, im nahen New Jersey findet das Finale statt.
Ermittler gehen jedoch eher nicht von Anschlagsvorbereitungen aus. Sie vermuten, dass es sich um Schatzsucher handelt, die nach Schmuck, Waffen oder anderen Wertgegenständen suchen. Schäden an den Schächten rund um die Einstiegsorte wurden bisher nicht festgestellt.
Anwohner: „Man macht sich schon Sorgen!“
The Pik begab sich an einen der Schauplätze auf Spurensuche: Bedford Avenue in Brooklyn. Der Vorfall ist dort das Tagesthema. Blumenhändler Ismael J. erlebte, wie die Polizei am nächsten Tag alles absuchte. „Die waren stundenlang hier, sie sagten, sie hätten auf Videos sechs oder sieben Leute gesehen, die in einen Gully kletterten und Stunden später am nächsten Block wieder auftauchten.“
Ist er besorgt? „Wenn Menschen mitten in der Nacht in die Kanalisation steigen und stundenlang verschwinden, will man wissen, wer sie sind und was sie dort unten machen“, sagt er. In einem Feinkostladen an der Ecke zeigt der Manager einem Kunden gerade das Video der seltsamen Szenen, während draußen Polizisten einen abgestellten Minivan überprüfen. Die Nervosität ist hier spürbar.
Verhalten der „Maulwurfleute“ ist verdächtig
Verdächtig wirkt, dass die Gruppen offenbar organisiert vorgingen. Einige wechselten nach dem Ausstieg sogar die Kleidung. Die Behörden warnen eindringlich vor solchen Ausflügen in das rund 12.000 Kilometer lange Abwasserkanalsystem: Der Einstieg ist illegal und extrem gefährlich.
Das Magazin „WIRED“ befragte mehrere New Yorker Urban-Exploration-Creators, kurz Urbex. Zur eigenen Szene wollten sie die „Maulwurfleute“ jedoch nicht zählen. Dort unten gebe es schließlich nur „Dreckwasser und ein paar Nadeln“, sagte einer der Befragten. Dennoch wurde das Verhalten der Personen selbst in diesen Kreisen als „verdächtig“ beschrieben.

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