Witten (NRW) – Vorfreude auf die Nordseeinsel Baltrum: Die Koffer für den Osterurlaub waren verstaut, der Hund „Fräulein Smilla“ saß im Wagen, die Kinder auf der Rückbank. Doch dann eskalierte ein Streit zwischen den Eheleuten – auslösend waren die Fährtickets, um die sich der Ehemann hätte kümmern sollen. Eigentlich eine Bagatelle. Doch plötzlich griff Jan M. (40) zum Messer und attackierte seine Frau und die Kinder. Sein 13-jähriger Sohn starb, die neunjährige Tochter und die 38-jährige Ehefrau Anni wurden lebensgefährlich verletzt.
Die grauenvolle Tat in Witten (Nordrhein-Westfalen) sorgte Ende März bundesweit für Entsetzen. Nun hat Staatsanwalt Jan Finke Anklage gegen den Vater erhoben – wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Für ihn ist die Tat nicht nur heimtückisch. Katja Nagel, Sprecherin des Landgerichts Bochum: „Die Anklage geht zudem von niedrigen Beweggründen aus. Der Angeschuldigte habe seine Frau bestrafen wollen, weil er sich in der Ehe schlecht behandelt und erniedrigt gefühlt habe. Zudem habe er seine Familie als finanzielle Belastung empfunden.“ Der Vater legte kurz nach seiner Festnahme und Belehrung ein Geständnis ab.
Sah der Vater die Familie als finanzielle Belastung?
Dass ihr Mann die eigene Familie als Belastung ansah, erschüttert Anni M. Ihr Anwalt Dr. Ralf Bleicher (Dortmund): „Meine Mandantin hat ihr Eheleben ganz anders wahrgenommen. Sie ist erleichtert, dass jetzt Anklage wegen Mordes erhoben worden ist.“

Den Ermittlungen zufolge war Jan M. nach dem Streit noch einmal in die Wohnung gegangen. Als er zum Auto zurückkehrte, trug er ein Tuch vor dem Gesicht, eine Kapuze und hielt ein Küchenmesser in der Hand! Er stach auf seine Frau ein, dann rammte er seinem Sohn das Messer ins Herz, bevor er seine Tochter verfolgte, die schreiend ins Haus flüchtete. Im Treppenhaus fiel er über das Kind her. Davon ist der Staatsanwalt überzeugt. Jan M. habe angenommen, dass alle drei sterben würden, als er den Tatort verließ. Kurz darauf nahmen Polizisten ihn fest.

Der Sohn konnte nicht mehr gerettet werden. Das kleine Mädchen und seine Mutter überlebten dank Notoperationen. Die Anklage geht davon aus, dass der mutmaßliche Täter voll schuldfähig ist. Ein Prozessbeginn steht noch nicht fest.
Ehefrau hatte Femizide öffentlich angeprangert
Anni M. arbeitet als Hebamme und engagiert sich in ihrer Freizeit für Frauenrechte. Knapp drei Wochen vor der Tat sprach sie auf einer Protestveranstaltung gegen das Patriarchat in Dortmund. Ein Video dokumentiert ihren Auftritt. Am Mikrofon sagte sie: „Der gefährlichste Ort für eine Frau ist ihr eigenes Zuhause. In Deutschland wird fast täglich eine Frau von ihrem Partner getötet. Es ist ein Femizid, die höchste Eskalationsstufe von struktureller Gewalt gegen Frauen.“

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