Adelsheim (Baden-Württemberg) – Manche Momente im Leben eines Kindes malt man sich als Mutter bereits vor der Geburt aus. Die ersten Schritte, die ersten Worte, die Einschulung, der Schulabschluss, der 18. Geburtstag. Vieles davon hat sich Sandra Kara (38) für ihren Sohn Nick (19) völlig anders vorgestellt. Bereits als Jugendlicher saß er fast drei Jahre im Gefängnis. Und immer wieder stellte sich die Mutter die Frage, was eigentlich schiefgelaufen ist.
„An Nicks 18. Geburtstag habe ich ihn im Gefängnis besucht“, berichtet die Mutter, „auch seine Geschwister waren dabei.“ Am Knast-Automaten kauft Nick eine Tüte Gummibärchen, einen Kaffee für seine Mutter und seine erste Schachtel Zigaretten. „Das war eine sehr schwere Situation für mich. Man stellt sich den 18. Geburtstag natürlich ganz anders vor.“
Den meisten Eltern wäre es unangenehm, offen über die kriminelle Laufbahn ihrer Kinder zu sprechen. Sandra Kara möchte jedoch zeigen: „Kinder wachen nicht morgens auf und entscheiden sich dazu, straffällig zu werden. Was uns passiert ist, kann jeder Familie widerfahren.“
Sohn wächst bei der Mutter auf
Die Eltern von Nick trennen sich, als er noch ein Säugling ist. Er wächst bei seiner Mutter auf, mit 5 Jahren erhält er die Diagnose ADHS. Sein Alltag muss präzise durchgeplant sein. Nick treibt viel Sport und liest gerne. „Er war ein guter Schüler, musste nicht viel lernen“, erzählt seine Mutter. ADHS
Mit 13 Jahren hat Nick zum ersten Mal Kontakt mit der Polizei – er hat im Supermarkt gestohlen. „Ich glaube, es war eine Tüte Chips“, erinnert sich Sandra Kara. „Ich hielt es für eine Mutprobe. Die Alarmglocken schrillten noch nicht.“ Nick ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht strafmündig. Er stiehlt weiterhin: Handyladekabel, Red-Bull-Dosen. Seine Mutter sucht Unterstützung beim Jugendamt. Nick erhält eine Erziehungsbeistandschaft – einen Sozialarbeiter, der ihn ein halbes Jahr lang begleitet und eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm aufbaut.
Doch in dieser Zeit gerät Nick auch an die falschen Freunde. Ein Nachbar war im Gefängnis. Nick schaut immer wieder bei ihm vorbei, obwohl ihm das eigentlich untersagt ist. Immer wieder muss die Mutter ihren Sohn von der Polizei abholen – sofern die Beamten ihn nicht nach Hause bringen. Die Nachbarn reden, die Mutter weint abends heimlich, hinterfragt sich und ihre Erziehung. Freundschaften zerbrechen: „Ich hatte oft das Gefühl, mein Kind ist das Einzige, bei dem nicht alles funktioniert.“
Profilierungsdrang, Langeweile und die Suche nach Nervenkitzel hätten ihn damals angetrieben, sagt Nick. „Ich habe leider nicht gesehen, wie sehr alle unter meinem Verhalten leiden“, gesteht er heute.
20 Straftaten, Sozialstunden, Haftstrafe
2020 zieht die Familie um. Sandra Kara hat einen neuen Lebensgefährten, bekommt eine Tochter und wird erneut schwanger. „Ich dachte, es wäre vielleicht ein guter Neustart für Nick“, sagt sie. Doch dann kommt Corona, der erste Lockdown. Nick findet keine neuen Freunde, zu Hause gibt es häufig Streit: über Haushaltspflichten, Hausaufgaben, Zimmer aufräumen. „Ab wann ist es keine normale pubertäre Entwicklung mehr?“, fragt sich Sandra Kara im Rückblick. „Die Kunst ist es, genau diesen Moment zu erkennen.“
Mit 14 Jahren bleibt er immer öfter über Nacht weg. „Ich habe wenig geschlafen. Das Gedankenkarussell: Geht es ihm gut? Hat er etwas gegessen? Begeht er wieder Straftaten?“ Immer wieder meldet sie Nick bei der Polizei als vermisst. Er taucht wieder auf, bekommt Hausarrest, steigt heimlich aus dem Fenster. Bis Sandra Kara die Notbremse zieht.
Im Juli 2021 wird er vom Jugendamt in Obhut genommen. „Es war eine riesige Lücke ohne ihn zu Hause“, sagt seine Mutter. Irgendwann kommt Post: eine Vorladung für ein Gerichtsverfahren. Der Angeklagte: Nick Kara.

„Es war ein überwältigendes, surreales Gefühl von Alleinsein und Isolation“, sagt seine Mutter. Nicks Vergehen wurden gesammelt und anschließend in einem Prozess verhandelt. Angeklagt sind etwa 20 Straftaten, darunter Diebstahl und Sachbeschädigung. Bei seinem ersten Verfahren kommt Nick noch mit einem blauen Auge davon: Er soll 60 Sozialstunden in einem Freibad ableisten. Weil er weitere Straftaten begeht, wird aus den Sozialstunden eine Vorbewährung, aus der Vorbewährung schließlich eine Haftstrafe.
Mit 15 Jahren ins Gefängnis
Im Mai 2022 muss Nick zum ersten Mal ins Gefängnis. Er ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt.
„Mach' dir keine Sorgen“, sagt er zu seiner Mutter im Gerichtssaal und umarmt sie. Dann verabschiedet er sich für zehn Monate in die Justizvollzugsanstalt in Adelsheim (Baden-Württemberg). „Ich war darauf nicht vorbereitet. Niemand bereitet dich auf so etwas vor“, erinnert sich die Mutter. „Ich hab' mich gefragt, wie es jetzt weitergeht. Wie ich eine Besucherlaubnis bekomme. Ob ich mit ihm telefonieren darf.“ Und immer wieder der Gedanke: Wo ging das alles schief?

Das Gefängnis tut Nick gut. Es gibt feste Abläufe und klare Anforderungen. „Er hat dort gut funktioniert. Irgendwann hatten wir keine Angst vor der Inhaftierung, sondern vor der Entlassung“, sagt Sandra Kara. „Denn nach jeder Entlassung ist er wieder abgestürzt und alles ging von vorn los.“ Jede Woche besucht sie ihren Sohn. Er schreibt ihr Briefe, mal eine Seite, mal 17. Manche enden mit „Dein Sohn“, viele mit „Liebe Liebe“.

Im Dezember 2022 schafft Nick den Hauptschulabschluss. Kurz darauf wird er entlassen. Doch im Knast hat er Menschen kennengelernt, die ihm nicht guttun. Erfahrene Einbrecher, mit denen er bald darauf in Häuser einsteigt. Als er einen Roller klaut, wird er erwischt. Eine Haftstrafe geht in die nächste über, Weihnachten für Weihnachten verbringt Nick hinter Gittern. Zwischendurch ist er drei Monate draußen, begeht neue Straftaten. Seine Mutter ist bei jedem Verfahren, jeder Anhörung, jeder Haftrichtervorführung dabei. Sie leidet still, wenn ihr Sohn von zwei Beamten mit Fußfesseln in den Saal geführt wird.

Im Mai 2025 macht Nick im Gefängnis seinen Realschulabschluss: Durchschnitt 2,5. Am 17. Juli wird er entlassen. Zum bisher und hoffentlich letzten Mal. Er ist jetzt volljährig. „Er war plötzlich für sich selbst verantwortlich. Die ganze Freiheit, die Entscheidungen, die Verantwortung. Er war überflutet von den ganzen Möglichkeiten“, sagt seine Mutter.
Und was sagt Nick dazu?
„Wenn ich in die letzten Jahre zurückschaue, bereue ich nahezu 100 Prozent der Entscheidungen, die ich getroffen habe.“ Das ist sein Fazit, doch er will nun nach vorne schauen. Nick ist seit einem Jahr straffrei. Er hat eine Wohnung, eine Freundin, eine feste Arbeitsstelle. Er macht gerade seinen Führerschein, trinkt keinen Alkohol, nimmt keine Drogen. Der Kontakt zwischen Mutter und Sohn ist eng wie immer. Bis heute telefonieren sie jeden Tag. Für seine Mutter ist das der Beweis, dass sie trotz aller Rückschläge recht hatte, ihren Sohn nie aufzugeben.

Sandra Kara hat inzwischen eine Fortbildung zur systemischen Kinder‑, Jugend‑ und Familienberaterin gemacht, Schwerpunkt: Straffälligkeit bei Jugendlichen. Jetzt hilft sie Eltern, deren Lage sie nur zu gut kennt. Viele Familien suchten aus Scham oder Unsicherheit zu spät Hilfe, sagt Sandra Kara. Mit ihrer Arbeit möchte sie verhindern, dass andere Eltern sich so allein fühlen wie sie damals.







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