Laatzen – Ein drastischer Vorfall in der „Ambiente Care Seniorenresidenz“ in Niedersachsen: 59 ältere Menschen mussten ihre gewohnte Umgebung binnen kürzester Zeit verlassen und wurden auf andere Einrichtungen verteilt. Hintergrund: Mitarbeitern soll über einen längeren Zeitraum kein Lohn gezahlt worden sein. Wie es heißt, wurden sie am Dienstag dieser Woche versammelt, freigestellt und nach Hause geschickt. Die Heimaufsichtsbehörde sah die Versorgung der Bewohner gefährdet und ordnete die Schließung der Seniorenresidenz an.

Der Vorfall wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie konnte es dazu kommen – und wie können Angehörige vorbeugen?

Eugen Brysch (63), Vorstand der Stiftung Patientenschutz, nimmt Stellung.

Hätte im konkreten Fall früher eingegriffen werden müssen?

Der Experte Brysch verweist auf ein Dilemma: „Die Mitarbeiter der Heimaufsicht stecken in einer Zwickmühle. Es gilt, einen Ausgleich zu finden, der für die Heimbewohner tragbar ist. Dabei darf es nicht zu einer gefährlichen Pflegesituation kommen.“ Gemeint ist eine mangelhafte Betreuung der Bewohner. Wenn ein Heim geschlossen werden muss, „stößt eine Behörde rasch an ihre Grenzen. Davor schreckt sie zurück“, erklärt Brysch.

Bernd Meurer (68), Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (BPA), übt Kritik am Pflegeheim-Betreiber. Meurer sagt: „Leider hat der Betreiber hier keinen Kontakt zu uns gesucht, sodass wir keine Unterstützung leisten konnten. Diese Lage ist für die Pflegebedürftigen und ihre Familien sowie für die Mitarbeiter extrem belastend.“

Wie können Angehörige verhindern, dass ihren pflegebedürftigen Verwandten Ähnliches widerfährt?

Brysch stellt klar, dass Angehörige „keine Möglichkeit haben, hinter die Kulissen zu blicken“. Eine sich anbahnende finanzielle Krise könnten sie daher oft nicht frühzeitig erkennen.

Welche Schritte können Angehörige unternehmen?

Bei festgestellten Mängeln empfiehlt Brysch ein strukturiertes Vorgehen: Zunächst sollte stets das Gespräch mit der Heimleitung gesucht werden. Brysch rät: „Festgestellte Defizite sollten offen und kooperativ angesprochen werden. Reagiert die Heimleitung nicht, ist die Heimaufsicht der richtige Ansprechpartner. Diese muss den Vorwürfen nachgehen und ihrerseits mit der Heimleitung sprechen.“ Bessern sich die Zustände nicht, „muss sich die Heimaufsicht vor Ort ein Bild verschaffen. Die letzte Maßnahme wäre eine Schließung des Heims“.

Was geschieht im Ernstfall?

Bei einer kurzfristigen Schließung muss die Heimaufsicht eingreifen. Sie ist für die Betreuung und Verteilung der Bewohner auf andere Einrichtungen verantwortlich. Dies bedeute „puren Stress“ für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen, so Brysch. Häufig komme es auch vor, „dass das neue Heim teurer ist“. Die Folge: Bewohner und ihre Familien müssen die höheren Kosten tragen. Brysch: „Der Träger bleibt jedoch schadensersatzpflichtig. Das ist den Betroffenen oft nicht bekannt.“

Eugen Brysch ist Vorstand der Stiftung Patientenschutz
Eugen Brysch ist Vorstand der Stiftung Patientenschutz

Welche gesetzlichen Änderungen sind nötig, um Vorfälle wie in Niedersachsen künftig zu verhindern?

Brysch sieht dringenden politischen Handlungsbedarf. „In Deutschland benötigen wir ein Frühwarnsystem für Pflegeheime. Bisher agiert die Politik blind. Schließt ein Betreiber aus finanziellen Gründen eines seiner Heime in einem Bundesland, droht ein Domino-Effekt für die anderen Standorte“, warnt Brysch. Ein „bundesweites Monitoring“ sei erforderlich.