Berlin – Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer tiefgreifenden Krise. Seit Jahren stagniert die größte Volkswirtschaft Europas, die Industrieproduktion liegt deutlich unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie im Jahr 2019. Parallel dazu verlagern immer mehr Firmen ihre Investitionen ins Ausland statt in Deutschland.

Besonders deutlich wird die Misere bei Volkswagen: Der Konzern plant den Wegfall von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen, mehrere Standorte in Deutschland stehen zur Disposition.

Doch warum verliert die Bundesrepublik zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit? In The Pik nennen Fachleute alarmierende Gründe: Fehlentscheidungen der Konzerne, politische Weichenstellungen der letzten Jahre sowie einen sich verschärfenden Wettbewerb mit China.

Managementfehler: Autobranche verpasste den Wandel

Nicht alle Probleme haben politische Ursachen. Vor allem die deutsche Automobilindustrie habe zentrale Entwicklungen zu lange ignoriert. Autoexperte Frank Schwope (57, FHM Hannover): „Jahrelange Versäumnisse bei der Batterieentwicklung bei allen deutschen Herstellern sind massive Managementfehler, ebenso wie das Unterlassen von Strukturanpassungen, besonders in den guten Jahren.“

Volkswagen steht sinnbildlich für die deutsche Industriekrise: Milliarden-Einsparungen und der Abbau vieler Arbeitsplätze sind im Gespräch

Steigende Kosten: Arbeit und Energie werden teurer

Nach den Hartz-Reformen und der Agenda 2010 galt der deutsche Arbeitsmarkt lange als einer der größten Standortvorteile. Doch durch höhere Sozialabgaben, gestiegene Lohnkosten und die Auswirkungen der Energiekrise haben sich die Rahmenbedingungen für viele Firmen deutlich verschlechtert. Deutschland gehört mittlerweile zu den Ländern mit den höchsten Industriestrompreisen in Europa.

IW-Geschäftsführer Prof. Hubertus Bardt (52) warnt: „Hohe Energiekosten, hohe Unternehmenssteuern, hohe Lohnstückkosten und drohende Anstiege der Sozialabgaben sind zu einem massiven Wettbewerbsnachteil geworden.“

Auch ING-Chefökonom Carsten Brzeski (55) sieht keine einzelne Ursache: „Es gibt nicht den einen Schalter, den man umlegen muss. Es ist eine ganze Tastatur.“

Große Hürde: Überbordende Bürokratie

Neben hohen Energie- und Arbeitskosten beklagen Unternehmen seit Jahren eine zunehmende Bürokratie. Genehmigungsverfahren dauern oft Jahre, hinzu kommen umfangreiche Dokumentations- und Berichtspflichten. Auch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz stellt für viele Firmen eine Belastung dar.

Für den IW-Ökonomen Jürgen Matthes ist dies eines der größten selbstverschuldeten Probleme: „Die Bürokratiebelastung ist völlig hausgemacht.“ Überbordende Berichtspflichten seien das Ergebnis einer sich selbst erhaltenden Bürokratie.

Neuer Konkurrent: China setzt Deutschland unter Druck

Neben den internen Problemen wächst auch der Druck von außen – vor allem aus China! „China macht deutschen Unternehmen weltweit immer mehr Absatzmärkte streitig. Das gefährdet das deutsche Exportmodell und damit die Arbeitsplätze in der Industrie“, so Matthes.

Bemerkenswert: Ökonom Brzeski sieht den Standort Deutschland insgesamt in Gefahr: „Das hat nichts mehr mit konjunktureller Schwäche zu tun. Das ist ein richtig dickes, weitgehend selbstverschuldetes Standortproblem.“ Notwendig sei daher ein Konzept für bezahlbare Energie, denn Unternehmen bräuchten Planungssicherheit. Brzeski: „Ohne sie werden wir noch mehr Abwanderungen erleben, und Deutschland wird maximal noch attraktiv für Touristen, die anderswo ihr Geld verdienen.“

Auch IW-Geschäftsführer Bardt mahnt: „Beim Blick nach vorne sind wir leider nicht mehr an dem Punkt, an dem einzelne Maßnahmen ausreichen würden.“