Freiburg – Große Plakate in den Schaufenstern des Freiburger Elektrogeschäfts kündigen das Ende an: „Wir hören auf!“ Inhaber Gregor Kaiser (63) erläutert, warum er seinen fast 90-jährigen Familienbetrieb dichtmacht. Nicht Pleite, sondern Frust und Überdruss sind die Gründe.

Vordergründig handelt es sich um die Schließung eines kleinen Elektroladens. Bei genauerem Hinsehen wird daraus ein Symbol für den Verfall der Innenstädte. Denn „Elektro Disch“ ist eines von rund 4900 Geschäften, die der Handelsverband Deutschland (HDE) für dieses Jahr prognostiziert – über 400 pro Monat. Das Ende solcher Läden geht jeden etwas an.

Kaiser hat meterhohe Frust-Plakate in die Fenster gehängt, um seiner Kundschaft die Aufgabe zu erklären. „Dieses Geschäft wurde vor fast 90 Jahren gegründet. Ich leite es in dritter Generation. Doch im Rathaus interessiert sich niemand für uns Einzelhändler“, beklagt er.

Das Elektrogeschäft um circa 1960. Inhaber Gregor Kaiser wuchs in der Wohnung über dem Laden auf
Das Elektrogeschäft um circa 1960. Inhaber Gregor Kaiser wuchs in der Wohnung über dem Laden auf

1937 gründete Kaisers Großvater „Elektro Disch“ in einem Freiburger Hinterhof. Im Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre etablierte sich der Laden nahe des Münsters.

Keine Parkplätze mehr vor der Tür

Früher parkten Kunden direkt vor dem Geschäft. Heute gibt es dort keine Stellplätze mehr. Wer mit dem Auto kommt, zahlt 4,20 Euro pro Stunde – die Stadt erhöhte die Gebühren im Februar um 40 Cent. Zudem wird die Straße freitags und samstags oft für Demonstrationen genutzt, was laut Kaiser an über 40 Wochenenden im Jahr Kunden abschreckt.

Diesen Text hat Elektromeister Kaiser in die Schaufenster seines Ladens gehängt
Diesen Text hat Elektromeister Kaiser in die Schaufenster seines Ladens gehängt

Der Aushang kritisiert nicht nur die Verkehrspolitik: „Es ist eine ganze Liste negativer Entwicklungen, die Innenstadt-Einzelhändler immer wieder zur Aufgabe zwingen.“

Passanten bleiben interessiert stehen

Kaiser, der das Unternehmen vor 31 Jahren von seiner Mutter übernahm: „Neulich kam die Rechnung für die Gehwegreinigung – 1728,77 Euro für ein Jahr. Mein Geschäft kann das noch verkraften, aber so ruiniert man den Einzelhandel.“

Hinzu kommt die schwierige Suche nach Lieferanten für Qualitätsware. Billiganbieter aus Fernost dominieren den Markt, und viele defekte Geräte und Lampen lassen sich aufgrund fehlender Ersatzteile und Wegwerfkonstruktionen nicht mehr reparieren.

Stadt Freiburg bedauert die Schließung

Unter diesen Umständen findet sich kein Nachfolger. Kaiser zuckt mit den Schultern: „Sobald meine beiden Angestellten einen neuen Job haben, mache ich den Laden für immer zu. Ein 90-jähriges Jubiläum wird es wohl nicht geben.“

Der Elektromeister in seiner Werkstatt. Hier archiviert er seltene Ersatzteile, die kaum noch erhältlich sind, aber für Reparaturen benötigt werden
Der Elektromeister in seiner Werkstatt. Hier archiviert er seltene Ersatzteile, die kaum noch erhältlich sind, aber für Reparaturen benötigt werden

Die Stadt Freiburg erklärt auf Anfrage: „Wir bedauern jede Geschäftsaufgabe in der Innenstadt. Gleichzeitig steht der Einzelhandel bundesweit unter Druck – durch verändertes Kaufverhalten, Onlinehandel, Kostensteigerungen und neue Nutzungsansprüche.“

„Jeder Leerstand ist einer zu viel“

Dr. Alexander von Preen (66), Präsident des HDE, fordert von der Politik schnelle Maßnahmen – besonders vom Bundesbauministerium und den Kommunen: „Einkaufen ist der Hauptgrund für einen Innenstadtbesuch. Wer sein Zentrum vital halten will, braucht Geschäfte. Jeder Leerstand ist einer zu viel.“

Leerstehende Läden wie dieser in Wismar prägen das Stadtbild von immer mehr deutschen Einkaufsmeilen
Leerstehende Läden wie dieser in Wismar prägen das Stadtbild von immer mehr deutschen Einkaufsmeilen

Die Entwicklung ist alarmierend: Vor zehn Jahren gab es deutschlandweit 366.800 Geschäfte. Bis Jahresende rechnet der Verband mit nur noch 296.600. Seit zehn Jahren verliert Deutschland jährlich mindestens 4500 Geschäfte. In den Corona-Jahren 2020 bis 2023 stieg die Zahl teils auf über 11.000.

HDE-Präsident von Preen: „Die Politik muss Kosten bei Energie und Beschäftigung senken. Die Stromsteuer muss für alle runter, bei den Lohnnebenkosten braucht es einen Deckel bei 40 Prozent.“

In einer früheren Version des Artikels hieß es, das Gebäude mit dem leerstehenden Laden befinde sich in der Krämerstraße in Stralsund. Das ist falsch. Richtig ist: Das Foto zeigt die Krämerstraße in Wismar. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.