Berlin – Allein in dieser Woche haben sich mehr als 5.000 türkische Staatsbürger für ein Kurzzeitvisum für Deutschland registriert. Die deutschen Auslandsvertretungen in Ankara, Istanbul und Izmir sind seit Monaten mit einer Antragsflut konfrontiert. Mittlerweile liegt die Zahl der Registrierungen bei rund 100.000. Zwar steht nicht hinter jeder Anmeldung eine Einzelperson – manche registrieren sich mehrfach, andere in Gruppen. Dennoch: Nach Informationen von Beteiligten befinden sich konstant mehrere Zehntausend Menschen auf der Warteliste, einige warten bereits seit einem Jahr auf einen Termin für ein Schengen-Visum.
„Die langen Wartezeiten bedeuten für viele Betroffene eine enorme Belastung und führen zu großer Frustration“, sagt Filiz Polat (47), migrationspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. „Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sind seit Jahrzehnten durch enge familiäre, wirtschaftliche und gesellschaftliche Bande geprägt. Familien erleben, dass selbst Besuche zu Hochzeiten, Beerdigungen oder bei Krankheitsfällen an monatelangen Verzögerungen scheitern.“

Die zentrale Frage lautet: Warum gestaltet sich die Prüfung der Anträge so zeitaufwendig? In Istanbul sind Berichten zufolge bereits 150 Mitarbeiter mit der Bearbeitung der Visa-Anträge befasst; die Unterlagen sollen sich im gesamten Gebäude stapeln. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts betont, dass alle Anträge „so effizient und kundenorientiert wie möglich“ behandelt würden. Gleichzeitig räumt sie ein, dass die Nachfrage die Kapazitäten „bei weitem“ übersteige.
Erst das Visum, dann der Asylantrag?
Das Interesse an deutschen Visa ist in der Türkei seit Jahren hoch. Im gesamten Jahr 2025 bearbeitete das Auswärtige Amt an den drei Auslandsvertretungen etwa 217.630 Anträge. Sollten die Registrierungen auf dem Niveau dieser Woche bleiben, könnten es 2026 mehr als 252.000 Anträge sein – ein Anstieg von knapp 14 Prozent. Der am häufigsten genannte Grund: Tourismus und Familienbesuche. Doch warum hapert es bei der Bearbeitung?
Der Asylrechtler Prof. Daniel Thym (52, Universität Konstanz) erklärt: „Die Türkei pflegt seit Jahrzehnten enge Verbindungen zu Deutschland, viele werden einfach Urlaub machen oder ihre Familie besuchen.“ Thym merkt an, dass hinter den Anträgen auch andere Motive vermutet werden könnten. „Die politisch heikle Frage ist, wie viele derjenigen, die legal mit einem Visum einreisen, dieses missbrauchen, um hier einen Asylantrag zu stellen.“
Kritiker vermuten politisches Kalkül
Kritiker wie Polat oder der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu (64), glauben, dass genau diese Annahme für die schleppende Visa-Vergabe verantwortlich sein könnte. Die Bundesregierung sehe in den Antragstellern „in erster Linie ein Sicherheits- oder Migrationsrisiko“, sagte Polat dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. In den Behörden werde immer wieder auf die hohen Asylzahlen aus der Türkei verwiesen.
Hintergrund: Die Zahl der Asylanträge aus der Türkei steigt seit Jahren. Waren es 2019 noch 11.423 Asylbewerber aus der Türkei (Ablehnungsquote: 52,6 Prozent), stieg die Zahl 2023 plötzlich auf 62.624 (Ablehnungsquote: 87 Prozent) an. Danach ging die Zahl zurück – auf 14.686 Anträge im vergangenen Jahr (Ablehnungsquote: 91,9 Prozent) und bis Ende Mai 2026 sogar auf nur noch 4.145 Asylanträge. 87,7 Prozent davon wurden abgelehnt.
Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Jürgen Hardt (63, CDU), wiegelt indes ab. Der Auswärtige Dienst sei schlicht unterbesetzt, so Hardt. Auch einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Visa- und Asylanträgen sieht er „eher nicht“. Nur wenige Menschen mit gültigem Einreisetitel beantragten auch Asyl in Deutschland. Wenn es Schwankungen gebe, seien die Ursachen eher in den Herkunftsländern zu suchen.








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