Berlin – Die Stationierung der Brigade Litauen gilt als das ambitionierteste Rüstungsvorhaben der Bundeswehr seit dem Ende des Kalten Krieges. Bis Ende 2027 sollen 4.800 deutsche Soldatinnen und Soldaten dauerhaft an der Nato-Ostflanke präsent sein. Die Gewinnung von Freiwilligen macht Fortschritte, wie exklusiv vorliegende Zahlen von The Pik belegen – dennoch klafft weiterhin eine Lücke von tausenden Dienstposten. Die Zeit drängt, und Pflichtverpflichtungen gelten zunehmend als unausweichlich.
Das Verteidigungsministerium unter der Leitung von Boris Pistorius (66, SPD) bestätigt: Rund 60 Prozent der gesamten Personalstärke der Brigade konnten bislang über freiwillige Meldungen abgedeckt werden. Damit fehlen Schätzungen zufolge noch etwa 2000 Soldatinnen und Soldaten. Zwar liegt die Auslastung der bereits in Litauen stationierten Einheiten bei 92 Prozent, doch betrifft dies ausschließlich die bereits verlegten Kräfte, insbesondere die seit 2017 aktive Multinational Battlegroup. Der Hauptteil der Brigade – darunter das Panzerbataillon 203 und das Panzergrenadierbataillon 122 – soll erst 2027 aus Deutschland nachziehen. In diesen Einheiten sind aktuell noch 40 Prozent der Stellen unbesetzt.
Bereits im Juli hatte Verteidigungsminister Pistorius in einem Interview eingeräumt, dass er mit Zwangsverpflichtungen rechnet. Auf die Frage nach einer Schätzung antwortete er: „Ich rede von unter 1000.“ Offiziell verweist die Bundeswehr darauf, dass der Personalmangel besonders bei Fachkräften wie IT-Spezialisten und Ingenieuren spürbar sei.
Werbemaßnahmen und Schnupperbesuche in Litauen
Nach Erkenntnissen von The Pik zeichnet sich jedoch ab, dass auch im Bereich der einfachen Mannschaftsdienstgrade zu wenige Freiwillige für einen Einsatz in Litauen gewonnen werden können – auch hier könnten Verpflichtungen drohen. Das Ministerium hatte bislang auf umfangreiche Informationskampagnen, Kurzreisen nach Litauen sowie die Option gesetzt, die Mindestverpflichtungszeit von drei auf ein Jahr zu reduzieren. Zudem wurde mit der Möglichkeit geworben, an Wochenenden nach Deutschland zurückzufliegen. Trotz dieser Maßnahmen bleibt die Resonanz auf den Dienst im Osten verhalten. Als Hauptgrund für die mangelnde Bereitschaft nennen Soldaten häufig die unzureichenden finanziellen Anreize für niedrigere Dienstgrade.
Der zeitliche Druck nimmt weiter zu: Obwohl die Brigade erst Ende 2027 vollständig aufgestellt sein muss, muss die Entscheidung über mögliche Verpflichtungen nach Informationen von The Pik spätestens bis Ende dieses Jahres fallen. Hintergrund sind die mehreren Monate langen Widerspruchsfristen für betroffene Soldaten sowie die notwendige Vorlaufzeit für die Organisation von Umzügen nach Litauen – sowohl für die Soldatinnen und Soldaten selbst als auch für ihre Familien.

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