Ein ungutes Gefühl breitet sich aus – und es hat Hand und Fuß. Aktuelle Umfragen zeigen: Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung blickt mit Unzufriedenheit auf das hiesige Gesundheitswesen. Die zentralen Treiber sind ein schrumpfendes Arztangebot und stetig steigende Kosten.

Die Realität liefert die Zahlen: Im zurückliegenden Jahr stellten in Deutschland 5500 Praxen ihren Betrieb ein. Die Lücke bei den Hausärzten beziffert sich aktuell auf rund 5000 fehlende Mediziner – und Prognosen einer Studie zufolge könnte diese Lücke bis 2030 auf 8200 anwachsen. Ein Viertel der derzeit praktizierenden Hausärzte plant, innerhalb der nächsten fünf Jahre seine Tätigkeit zu beenden, häufig aus Altersgründen: Nahezu 40 Prozent der Hausärzte und zirka 38 Prozent der Vertragsärzte (umgangssprachlich „Kassenärzte“) haben das 60. Lebensjahr bereits erreicht oder überschritten.

117.000 Studierende der Medizin wird es im Jahr 2026 geben – der Frauenanteil liegt bei 65 Prozent. Zum Vergleich: 2007 waren es lediglich 78.500 angehende Mediziner.

95 Prozent der Studierenden schließen ihr Studium mit dem Staatsexamen ab.

Neue Belastungen für Patienten in Sicht

Erst kürzlich haben Bundestag und Bundesrat das von der Merz-Regierung vorgelegte Gesundheitsreformgesetz verabschiedet. Dieses sieht einschneidende Sparmaßnahmen vor, die jedoch von ungefähr 75 Prozent der Deutschen abgelehnt werden. Dazu zählen unter anderem die Einschränkung der beitragsfreien Familienversicherung, höhere Zuzahlungen für Medikamente, das Modell der Teilkrankschreibung, die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze, reduzierte Zuschüsse für Zahnersatz sowie die verpflichtende Einholung einer Zweitmeinung vor operativen Eingriffen.

Knapp 40 Prozent gegen EInschnitt bei Gesundheit
Quelle: KI-generiert

Noch nicht final beschlossen, aber bereits in der Planungsphase befindet sich die Primärversorgungsreform. Diese sieht vor, dass Patienten künftig zunächst immer den Hausarzt aufsuchen, der sie bei Bedarf an den passenden Facharzt überweist. Ziel ist es, Doppeluntersuchungen und überflüssige Arztbesuche zu vermeiden. Ausnahmen sind für Gynäkologen, Augen- und Zahnärzte vorgesehen.

Wird der Hausarzt zum Flaschenhals des Systems?

Das Dilemma: Ausgerechnet die Hausärzte, die künftig die Lotsenfunktion übernehmen sollen, sind bereits heute bis an ihre Belastungsgrenze ausgelastet. Die Bundesregierung setzt daher auf digitale und telefonische Ersteinschätzungen, den elektronischen Überweisungsverkehr, eine verbesserte Terminvermittlung sowie eine intensivere Kooperation mit nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen. Durch den Einsatz von Technik und intelligenter Steuerung sollen die begrenzten hausärztlichen Ressourcen effizienter genutzt werden.

5500 Arztpraxen schlossen 2025. Die meisten fanden keine Nachfolger
Quelle: KI-generiert

So weit die Theorie. Doch lässt sich damit tatsächlich die durchschnittliche Wartezeit von 42 Tagen für gesetzlich Versicherte auf einen Facharzttermin spürbar reduzieren?

Der Hausarzt als neuer Engpass in der Versorgung

Die Anzahl der niedergelassenen Ärzte mit eigener Praxis ist leicht rückläufig und liegt nun bei 122.900. Viele junge Mediziner bevorzugen mittlerweile eine Anstellung und arbeiten zudem vermehrt in Teilzeit.

Während in Ballungszentren und Metropolen wie Berlin oder Hamburg statistisch gesehen 1000 Einwohner auf einen Arzt kommen, verschärft sich die Situation in ländlichen oder strukturschwachen Gebieten erheblich. „In diesen Regionen müssen sich oft mehr als 1400 bis 1600 Einwohner einen einzelnen Arzt teilen, was in den Praxen zu extrem hohen Fallzahlen und langen Wartezeiten führt“, erläutert Dr. Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Mehrere Millionen Menschen leben in Gebieten, die offiziell als von ‚drohender Unterversorgung‘ betroffen eingestuft sind. Die KBV ist dort gezwungen, mit finanziellen Förderprogrammen gegenzusteuern, um die flächendeckende Versorgung sicherzustellen.“

336,4 Milliarden Euro betrugen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) im Jahr 2025 – ein Anstieg von 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

90 Prozent der deutschen Bevölkerung sind Mitglied in der GKV.

15,8 Millionen Familienangehörige sind aktuell beitragsfrei in der GKV mitversichert.

Um dem Ärztemangel entgegenzuwirken, locken fast alle Bundesländer (ausgenommen die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg sowie Brandenburg und Schleswig-Holstein) Abiturienten mit Medizinstudienplätzen – selbst wenn deren Abiturnote eigentlich nicht ausreicht. Im Gegenzug verpflichten sich die angehenden Ärzte, in der Regel zehn Jahre lang als Hausarzt in einer unterversorgten Region tätig zu sein.

Doch zunehmend wollen Beteiligte aus dieser Vereinbarung aussteigen – und ziehen wegen der fälligen Vertragsstrafe von 250.000 Euro vor Gericht. Laut Ärztezeitung stehen am 6. Oktober die ersten von insgesamt 17 Klagen in Nordrhein-Westfalen an; die klagenden Ärzte verweigern den Dienst in der ihnen zugewiesenen Mangelregion. Weitere Verfahren laufen in Hessen, Bayern und im Saarland.

Die Gründe für die Landflucht der Mediziner

Welche Hürden junge Ärzte von einer Niederlassung auf dem Land abhalten, erlebt Sandra Schröder (50) tagtäglich. Die Landärztin aus dem sächsischen Pockau-Lengefeld (7200 Einwohner) schildert in einem Brief unter anderem ihren anhaltenden Kampf gegen eine überbordende Bürokratie: Formulare, Anträge, Dokumentationen. Laut KBV-Angaben verbringt ein niedergelassener Arzt durchschnittlich 7,4 Stunden pro Woche allein mit gesetzlichen Berichts-, Antrags- und Dokumentationspflichten – Zeit, die für die Patientenversorgung verloren geht.

Hinzu kommt, dass Hausärzte wirtschaftlich häufig am Limit arbeiten: Der durchschnittliche Honorarumsatz pro Kassenpatient liegt bei etwa 66 Euro pro Quartal – unabhängig davon, ob der Patient in diesem Zeitraum fünf- oder sechsmal im Wartezimmer erscheint. Landärztin Sandra Schröder erläutert: „Die Kassenhonorare sind an absurde Bedingungen geknüpft. Wer weniger als 10 Minuten mit einem Patienten spricht, kann das Gespräch oft gar nicht abrechnen. Für einfache Schürfwunden-Verbände existiert nicht einmal eine Abrechnungsnummer. Ärzte arbeiten hier häufig ohne jede Vergütung.“

Landärzte fühlen sich oft abgehängt

Das gegenwärtige System begünstige eine Zwei-Klassen-Medizin: „Reine Privatärzte kalkulieren ihre Preise selbst nach Angebot und Nachfrage. Sie entziehen sich dem Kassensystem und erzielen ein Vielfaches an Einkommen. Wir Landärzte sind dabei klar benachteiligt: In unserer Region gibt es kaum Privatpatienten. Unsere Praxis lebt von älteren, gesetzlich versicherten Menschen.“

Versorgung mit Kassenärzten in Deutschland
Quelle: KI-generiert

Zwar kann ein Landarzt nach Abzug der Praxiskosten durchaus ein Bruttojahreseinkommen von 150.000 bis 200.000 Euro erzielen. Dennoch entscheidet sich nur ein Bruchteil der rund 10.000 jährlich neu hinzukommenden Ärzte für die Gründung einer eigenen Hausarztpraxis. Sandra Schröder kennt die Ursachen: „Geräte und Inventar des Vorgängers müssen übernommen werden, was immense Kosten verursacht. Bei einer Praxisübernahme muss zudem der Patientenstamm teuer abgekauft werden. Diese sogenannten Patientenrechte können sogar an Nichtmediziner vererbt werden, die dann ausgezahlt werden müssen.“

Genau diese Risiken schrecken viele junge Ärzte ab. KBV-Sprecher Roland Stahl fasst zusammen: „Das Problem ist ein kritischer Strukturwandel: Junge Mediziner scheuen das unternehmerische Risiko der Selbstständigkeit und entscheiden sich zunehmend für Anstellungsverhältnisse und flexible Teilzeitmodelle.“