Bremen – Inmitten eines Kreises applaudierender Verwandter und Freunde tanzt ein frisch vermähltes Paar im Saal. Es ist der vermeintlich schönste Tag ihres Lebens. Der genaue Zeitpunkt der Aufnahme ist unbekannt. Bekannt ist hingegen: Die beiden glücklichen Menschen auf dem Bild wurden getötet – der Täter ist weiterhin flüchtig. Zurück bleibt der kleine Sohn des Paares, der an einem einzigen Tag Mutter und Vater verlor. Dabei hatte die Polizei den mutmaßlichen Doppelmörder erst vor wenigen Wochen auf dem Schirm.

Bremen-Vegesack am Samstag. Mit schussbereiten Maschinenpistolen patrouillieren Polizeibeamte durch das Wohnviertel. Hinter den herabgelassenen Rollläden eines Mehrfamilienhauses in der Lobbendorfer Flur herrscht eine gespenstische Ruhe. Der Mann, der hier am Freitag das junge Ehepaar getötet haben soll, ist weiter auf der Flucht. Inzwischen läuft eine öffentliche Fahndung. Der Name des Gesuchten: Brandon Sami Caglar (22). Der etwa 1,80 Meter große Bremer mit kurzen braunen Haaren soll zuletzt eine Tarnjacke getragen haben.

Mit diesem Fahndungsfoto suchen die Ermittler nach Brandon Sami Caglar (22). Er gilt als gewalttätig und gefährlich

Ermittler warnen: „Sprechen Sie den Mann nicht an!“

Die Ermittler warnen eindringlich: Der Gesuchte gilt als gewalttätig und gefährlich. Wer ihn sichtet, solle ihn nicht ansprechen, sondern umgehend die Polizei unter der Notrufnummer 110 verständigen.

Ein Nachbar gibt sich hinsichtlich einer raschen Festnahme wenig zuversichtlich. Gegenüber BILD äußert er: „In der Gegend gibt es diverse leerstehende Häuser. Wenn man sich dort auskennt, bieten sich ideale Versteckmöglichkeiten.“


In der oberen Etage wohnte das Ehepaar mit seinem Kind, unten der mutmaßliche Täter mit seiner Mutter

Blutend schleppt sich der Vater ins Freie und stirbt

Am Freitag gegen 14 Uhr hatten Anwohner plötzlich laute Schreie aus dem Mehrfamilienhaus in Vegesack vernommen. Kurz darauf erblickten sie einen Mann, der mit schweren Stich- und Schnittverletzungen auf dem Gehweg lag. Rettungskräfte bemühten sich um eine Wiederbelebung – jedoch ohne Erfolg. Im Keller des Gebäudes entdeckten Polizisten wenig später die Leiche seiner Ehefrau.


Mit Maschinenpistolen sichern Polizisten den Tatort in Bremen-Vegesack. Der mutmaßliche Doppelmörder ist auch einen Tag nach der Bluttat weiter auf der Flucht

Besonders tragisch: Das kleine Kind des Paares hielt sich nach der Tat allein in der Wohnung auf. Polizeibeamte brachten es später in Sicherheit. Wie BILD erfuhr, handelt es sich bei dem getöteten Mann um Dennis T. (40). Er war ein leidenschaftlicher Fußballer. Freunde und Nachbarn zeigen sich zutiefst erschüttert.

Schon vor Wochen gab es einen Polizeieinsatz

Während Angehörige und Nachbarn um die Opfer trauern, rückt zunehmend die Vergangenheit des mutmaßlichen Täters in den Fokus der Ermittlungen. Bereits im April hatten Bewohner der Lobbendorfer Flur wiederholt Knallgeräusche gemeldet. Sie vermuteten Schüsse aus einer Druckluftwaffe. Beim Eintreffen der Polizei flüchtete der Tatverdächtige zunächst durch ein Fenster. Wenig später entdeckten ihn die Beamten in einem Gebüsch. Er trug Tarnkleidung und hielt eine Langwaffe mit aufgesetztem Messer in der Hand. Laut Polizeiangaben führte er Stichbewegungen in Richtung der Einsatzkräfte aus. Erst der Einsatz eines Tasers konnte ihn stoppen.

Auf dieses Schild soll der Verdächtige in der Vergangenheit mehrfach geschossen haben

Bei der darauffolgenden Wohnungsdurchsuchung stellten die Ermittler unter anderem eine Gaspistole und einen Teleskopschlagstock sicher. Der Mann wurde psychiatrisch begutachtet und später wieder aus der Klinik entlassen.

Im Keller des Hauses wurde die Leiche der Frau gefunden. Hier stehen noch Fahrräder und ein kleiner Tretroller

Versteckt sich der Killer ganz in der Nähe?

Heute stellen sich die Nachbarn die Frage, ob die Bluttat hätte verhindert werden können. Sie berichten, der mutmaßliche Täter habe mit seiner Mutter und zwei kleinen Hunden im Erdgeschoss des Hauses gelebt und sei ein „Mama-Söhnchen“ gewesen. Dennis T. und seine Frau (35) bewohnten die Etage darüber. Möglicherweise gab es vor der Tat Streitigkeiten zwischen den Opfern und dem Täter. „Es soll um Lärm gegangen sein“, erzählt eine Nachbarin.

Beamte verlassen am Samstag das Haus, in dem am Vortag zu dem schrecklichen Verbrechen kam

Ob der frühere Polizeieinsatz in der Wohnung des gesuchten Brandon Sami Caglar mit dem Doppelmord in Verbindung steht, bestätigen die Ermittler bislang nicht. Fest steht nur: Der mutmaßliche Täter ist weiter auf der Flucht. Die Polizei betont zwar, dass nach derzeitigen Erkenntnissen keine konkrete Gefahr für Unbeteiligte bestehe. Doch in Vegesack bleibt ein beklemmendes Gefühl zurück: Ein Mann, der im Verdacht steht, zwei Menschen getötet zu haben, ist spurlos verschwunden. Und niemand weiß, wo er sich versteckt hält.