Renningen (Baden-Württemberg) – Die Zweifel kamen rasch. Kaum hatte Dijana L. (32) die Polizei gerufen und von einer Entführung ihres Babys berichtet, hegten die Beamten Misstrauen. Nun ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft offiziell wegen Vortäuschung einer Straftat. Der kleine Adrian wurde tot aufgefunden, nur wenige hundert Meter von der Wohnung seiner Mutter entfernt. Die Todesursache ist noch ungeklärt. Recherchen von Reportern vor Ort werfen beunruhigende Fragen auf.

Am 18. Juni gegen 23:30 Uhr hatte die 32-Jährige die Polizei alarmiert. Sie gab an, vom Einkaufen zurückgekehrt zu sein und den Kinderwagen mit dem drei Monate alten Adrian kurz unbeaufsichtigt auf dem Bürgersteig gelassen zu haben – nur für die Zeit, um die Einkaufstüten in den zweiten Stock zu tragen. Als sie zurückkam, war der Wagen leer. Rund 15 Stunden später wurde Adrians Leiche wenige hundert Meter entfernt am Rankbach gefunden. Die Polizei geht davon aus, dass Dijana L. das tote Kind dort selbst abgelegt hat.

Polizisten sichern Spuren am Rankbach in Renningen. Hier wurde die Leiche des kleinen Adrian gefunden
Polizisten sichern Spuren am Rankbach in Renningen. Hier wurde die Leiche des kleinen Adrian gefunden


Von einem Tötungsdelikt ist bisher ausdrücklich nicht die Rede. Auch die 13 Polizisten, die den Fall bearbeiten, bilden keine Mordkommission, sondern „nur“ die Ermittlungsgruppe „Wagen“.

Jugendamt soll Mutter erstes Kind entzogen haben

Die Frau, mit der zunächst so viele mitgefiebert hatten, soll einen 16-jährigen Sohn haben, der ihr als Baby vom Jugendamt weggenommen wurde. Adrian galt laut einem Kollegen als „Wunschkind“. Doch eine Nachbarin in Renningen (Baden-Württemberg) schildert einen wenig einfühlsamen Umgang mit dem Säugling. Sobald das Baby sich bemerkbar machte, habe Dijana L. sofort mit „Psst, Psst!“ reagiert, als störe das Weinen. Zudem habe sie Adrian praktisch nie mit Namen angesprochen. Die Nachbarin vermutet eine Überforderung bei der Mutter.

Dijana L. wohnte mit ihrem Baby im 2. Stock dieses Mehrfamilienhauses. Jetzt sind die Rollläden heruntergelassen
Dijana L. wohnte mit ihrem Baby im 2. Stock dieses Mehrfamilienhauses. Jetzt sind die Rollläden heruntergelassen

Baby war ein Frühchen

Dijana L. soll erst im fünften Monat bemerkt haben, dass sie schwanger war. Adrian kam zu früh zur Welt. Die Wohnung: eng, abgewohnt. Mit ihrem Ex-Freund habe es ständig Streit gegeben. Ein Nachbar: „Es war dort immer laut, ging drunter und drüber.“ Der neue Partner und Vater des Kindes soll nur manchmal zum Übernachten gekommen sein. Für Dijana L. und ihr Baby sei er kein fester Halt gewesen.

Dass die Mutter ihres Ex-Freundes ebenfalls im Haus wohnte, habe die Situation nicht verbessert, sagt einer ihrer Ex-Kollegen: „Dijana hat versucht, für sich und ihren neuen Freund eine bessere Wohnung zu finden. So wollte sie der Enge entfliehen und das Durcheinander beenden.“

Die Suche nach Adrian wurde vom Parkplatz des Rewe aus organisiert, in dem Dijana nach ihren Aussagen vor der „Entführung“ des Babys einkaufen war
Die Suche nach Adrian wurde vom Parkplatz des Rewe aus organisiert, in dem Dijana nach ihren Aussagen vor der „Entführung“ des Babys einkaufen war

Adrians Großmutter war die einzige Stütze

In all dem Chaos soll nur eine Person echten Halt geboten haben: ihre eigene Mutter. Sie sei regelmäßig zu Besuch gekommen und auch oft über Nacht geblieben. Sie schien am Tag nach der vermeintlichen Entführung noch von der Schilderung ihrer Tochter überzeugt.

Zu The Pik sagte sie wenige Stunden vor dem Fund des leblosen Babys: „Meine Tochter kam vom Einkaufen. Sie hatte Tüten dabei und wollte sie hoch in den zweiten Stock tragen.“ Als Dijana wieder hinuntergegangen sei, sei der Kinderwagen leer gewesen. Jetzt muss die weißhaarige Dame verarbeiten, dass gegen ihre Tochter Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Tod ihres Enkelsohnes geführt werden.