Berlin – Mit eisernem Willen und bemerkenswerter Entschlossenheit richtet sich die Frau an ihren Gehstützen auf. Sie schafft es, zu stehen! Das rote T-Shirt reicht ihr bis über das rechte Knie. Doch auf der gegenüberliegenden Seite klafft eine Leere. Kein Fuß, kein Knie, kein Oberschenkel. Vor knapp drei Wochen hat Jeannine J. (48) einen Unfall mit einer Schiffsschraube überlebt. Bei diesem Unglück verlor sie ihr linkes Bein – aber nicht ihren Lebensmut.
„Ich kämpfe mich Tag für Tag zurück. Ein großes Team aus Therapeuten begleitet mich dabei – sie kümmern sich sowohl um meine körperliche als auch um meine seelische Gesundheit. Abends bin ich völlig erschöpft. Dennoch habe ich schon erste Etappen geschafft: Die Schmerzpumpe, die mich bislang kontinuierlich mit Medikamenten versorgte, ist nicht mehr nötig, und das Stehen klappt bereits wieder“, berichtet die Berlinerin voller Zuversicht.

Bei einem Schnorchelausflug im Roten Meer geriet sie mit ihrem linken Bein in die Schiffsschraube, nachdem der Kapitän den Motor ohne jede Warnung gestartet hatte. In zwei Notoperationen musste Jeannine J. in Ägypten das Bein amputiert werden.
Der Bootsführer sitzt in Untersuchungshaft
Während sie um ihr Überleben kämpfte, wurde der Bootsführer festgenommen und befindet sich bis heute in Untersuchungshaft. Jeannine J. wurde per Flugzeug ins Berliner Unfallkrankenhaus (UKB) gebracht. „Seitdem gehören neue Begriffe zu meinem Alltag. Etwa Stumpf, Prothetik und natürlich Phantomschmerzen.“

Die Phantomschmerzen suchen Jeannine inzwischen täglich heim. Völlig unvermittelt. Ohne jede Vorwarnung zuckt ihr Stumpf dann unkontrolliert. „Manchmal spüre ich, wie mein Bein einschläft. Dann durchzucken stechende Schmerzen meinen Fuß. Doch den gibt es längst nicht mehr. Das ist verrückt und unerträglich schmerzhaft.“ Auch die Medizin hat das Phänomen der Phantomschmerzen bislang nicht vollständig entschlüsseln können.


Spiegeltherapie als Hoffnungsträger gegen Phantomschmerzen
Forschende gehen davon aus, dass sich das Gehirn nach einer Amputation neu strukturiert. Das Nervensystem ist durch das fehlende Bein irritiert und sendet fehlerhafte Signale an das Gehirn – ein regelrechtes Durcheinander entsteht. Ein Spiegel soll der Berlinerin nun helfen, diese real empfundenen Schmerzen zu lindern. Dabei sitzt sie auf dem Bett, der Spiegel steht senkrecht in ihrer Körpermitte, sodass die Spiegelfläche zum gesunden Bein zeigt und das Spiegelbild die Position des amputierten Beins einnimmt, während der Stumpf hinter dem Spiegel verborgen bleibt. „Es wirkt, als hätte ich beide Beine noch. Meine Augen übermitteln dieses Bild an mein Gehirn.“ Bewegt sie den gesunden Fuß, nimmt das Gehirn auch das fehlende Bein wahr – der Phantomschmerz lässt nach. Entscheidend ist, dass die Patientin das gesunde Bein nicht direkt ansehen kann, sondern ihren Blick vollständig auf das Spiegelbild richtet. Nur so lässt sich das Gehirn täuschen.

„Auf meinen Beinen hatte ich zwei unterschiedliche Tattoos. Jetzt fehlt der Phönix. Er war wunderschön. Doch ich bin mir sicher, dass ich ihn mir an einer anderen Stelle meines Körpers erneut stechen lassen werde. Denn inzwischen weiß ich: Ich bin der Phönix.“
Die Folgen des Unfalls haben immense finanzielle Belastungen mit sich gebracht (Rehabilitation, Hilfsmittel, ärztliche Behandlungen, Therapien, Anwalts- und Dolmetscherkosten). Aus diesem Grund hat die Familie eine Spendenaktion auf der Plattform gofundme ins Leben gerufen. „Bitte unterstützt meine Mama! Wer sie kennt, weiß, dass sie sich stets für andere eingesetzt und nie gezögert hat, Hilfe zu leisten. Jetzt ist sie auf unsere Unterstützung angewiesen“, appelliert Tochter Luisa.

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