Marl (NRW) – Eine Schießerei in Marl vor einer Woche hat sich zu einem komplexen Fall für den Staatsschutz entwickelt. Die Ermittlungen führen zu Rockern, islamistischen Kreisen und der türkischen Mafia.

Rückblick: Am 29. April gegen 22.30 Uhr wurde ein tätowierter Mann blutend an einer Aral-Tankstelle im Osten Marls aufgefunden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Essen war er zuvor in einer nahegelegenen Wohnung angeschossen worden. Anwohner hörten vier bis fünf Schüsse. Das Opfer, Serkan (24), floh aus dem Haus und brach schließlich zusammen – eine Notoperation rettete ihm das Leben.

Mit diesen Fotos fahndet die Polizei nach Muhammet Acar (23). Er soll versucht haben, den Rocker in Marl zu töten. Acar nutzt einen gefälschten kroatischen Ausweis, gibt sich als Ivan Babic aus
Mit diesen Fotos fahndet die Polizei nach Muhammet Acar (23). Er soll versucht haben, den Rocker in Marl zu töten. Acar nutzt einen gefälschten kroatischen Ausweis, gibt sich als Ivan Babic aus

Ermittler sichern Spuren in der Wohnung

Der Mieter der Dachgeschosswohnung, Muhammet Acar, geriet schnell unter Verdacht. Als die Polizei eintraf, war der Mann zwar verschwunden, doch die Beamten entdeckten ein riesiges Waffenlager.

Nach Informationen der Redaktion lagerten dort mehr als 70 Kurzwaffen – überwiegend 9-Millimeter-Pistolen, darunter mehrere umgebaute Glocks. Der Schwarzmarktwert wird auf rund 100.000 Euro geschätzt. Offiziell halten sich die Ermittler bedeckt. Staatsanwältin Sonja Hüppe: „Dazu machen wir derzeit keine Angaben.“ Die Polizei fahndet öffentlich nach dem mutmaßlichen Schützen.

Zu dieser Tankstelle schleppte sich der angeschossene Mann. Nach Informationen wurde er dreimal getroffen - in Brust, Bauch und Arm
Zu dieser Tankstelle schleppte sich der angeschossene Mann. Nach Informationen wurde er dreimal getroffen - in Brust, Bauch und Arm

Opfer: Bandidos-Mitglied und Islamist?

Auch das Opfer der Schießerei steht im Fokus der Fahnder. Der Mann, offenbar ein Türke aus Köln, ist den Behörden in mehrfacher Hinsicht bekannt. Laut Ermittlern bestehen Verbindungen zur Rockerszene. Nach Informationen ist er Mitglied der Bandidos („West Area“). Gleichzeitig war er dem Staatsschutz als möglicher Islamist aufgefallen. Zudem soll er Kontakte zu den türkischen Rechtsextremisten der „Grauen Wölfe“ haben.

Blutspuren des Opfers auf der Treppe des Mehrfamilienhauses
Blutspuren des Opfers auf der Treppe des Mehrfamilienhauses

Das wissen wir über den Verdächtigen

Auch der mutmaßliche Schütze steht offenbar in Kontakt mit kriminellen Organisationen: Nach Informationen war Acar Mitglied der berüchtigten türkischen Mafia-Gruppe „Daltons“. Inzwischen soll er der Organisation „Ezgin“ angehören, die sich nach internen Machtkämpfen von den Daltons abgespalten hat. Acar lebte zuletzt unter falscher Identität in Deutschland und gab sich mit einem gefälschten kroatischen Ausweis als Ivan Babic aus.

Drei Theorien zu den Hintergründen

Zu den Hintergründen kursieren mehrere Theorien. Nach Informationen prüfen die Ermittler, ob das Opfer Waffen für die Bandidos beschaffen wollte. Vor allem Mitglieder in Köln sollen sich wegen schwelender Konflikte mit den Hells Angels zunehmend bewaffnen. Der mutmaßliche Waffen-Deal könnte schiefgelaufen sein und zu den Schüssen geführt haben.

Oder handelte es sich um einen Überfall? Auch dieser Spur gehen die Ermittler nach. Das Opfer könnte versucht haben, Acar zu überfallen, um an die Waffen zu gelangen. Doch Mafioso Acar durchschaute den Plan und eröffnete sofort das Feuer. Nach Informationen könnte die Wohnung auch als Waffendepot der „Ezgins“ gedient haben.

Zudem prüft der Staatsschutz offenbar, ob es Anschlagspläne gegeben haben könnte. Grund dafür sind die mutmaßlichen Bezüge des Angeschossenen zur Islamisten-Szene.