Hamburg – In einer Zeit steigender Kraftstoffkosten haben sich mehrere frühere Shell-Tankstellenpächter mit Klagen gegen den Energiekonzern gewandt. Vor dem Landgericht Hamburg sollen elf Verfahren über Forderungen in Höhe von 10 Millionen Euro verhandelt werden. Im Zentrum stehen Waschanlagen und Snacks wie Kartoffelchips – nicht jedoch die Benzin- und Dieselpreise.

Der Konflikt betrifft vor allem Artikel, die in den Shops der Tankstellen angeboten werden. Die Kläger werfen der Shell Deutschland GmbH vor, sie zu Einkäufen zu überhöhten Konditionen gezwungen zu haben. Da die Waren über konzerninterne Partner wie „Carissa“ bezogen werden müssen, lägen die Beschaffungskosten nach Angaben der Betreiber deutlich über denen des freien Handels. Dies führe zu den typischen Tankstellenpreisen, die Produkte bei Shell teurer als im Supermarkt machten.ƒbƒ

Rechtsanwalt Nektarios Dovas (47) vertritt die Kläger
Rechtsanwalt Nektarios Dovas (47) vertritt die Kläger

Als Beispiel führen die Pächter eine Tüte Chips an, die netto bei „Carissa“ 3,53 Euro koste und im Shop für 7 Euro verkauft werden müsse. Nach Ansicht der Betreiber müssten diese hohen Preise an die Kunden weitergegeben werden, was aus ihrer Sicht sogar inflationstreibend wirken könne.

Pächter schildern Druckmittel

Einer der Kläger ist Serdar S. (47) aus Braunschweig. „Der Shell-Bezirksleiter erschien alle sechs Wochen zur Kassenprüfung, um zu kontrollieren, ob zusätzliche Ware verkauft wurde“, berichtet er. „Immer mit der Aussage: ,Bitte über unsere Lieferanten bestellen, sonst müssen wir uns trennen.‘“

Serdar S. vor seiner ehemaligen Tankstelle in Schwülper (Niedersachsen), die er über zwei Jahre betrieben hat
Serdar S. vor seiner ehemaligen Tankstelle in Schwülper (Niedersachsen), die er über zwei Jahre betrieben hat

„Shell profitiert doppelt von den Pächtern“

Laut Serdar S. mussten 2015 alle Shell-Tankstellen neue Waschanlagen über „Carissa“ leasen – zu überhöhten Preisen von 78.000 Euro. „Ich habe bei Washtec ein Angebot mit derselben Artikelnummer eingeholt, das 25.000 Euro günstiger war. Der Bezirksleiter konnte die Preisaufschläge nicht erklären, ich musste sie dennoch zahlen. Später erfuhr ich, dass Shell pro Anlage von Washtec einen Scheck erhielt. Shell verdient doppelt an uns Pächtern: erst beim Einkauf über ‚Carissa‘ und dann noch einmal beim Verkauf der Ware.“

Der Anwalt der Kläger, Nektarios Dovas (47), erklärt: „Ich setze mich für die Tankstellenbetreiber gegen ein bis ins Detail durchdachtes System ein, das den Partnern faktisch jede echte Alternative nimmt. In einem Fall ging es sogar bis zur Einstellung der Kraftstoffversorgung bei einer Mandantin mit folgender Schadensersatzklage. Das zeigt, wie konsequent Druck ausgeübt wird, wenn sich Betreiber zur Wehr setzen.“

Shells Stellungnahme zu den Anschuldigungen

Shell weist die Vorwürfe zurück. „Die Behauptung angeblich überteuerter Einkaufspreise ist nicht zutreffend. Unsere Partner erhalten bei ‚Carissa‘ ein umfassendes Service-Paket. Artikel außerhalb des Kernsortiments können unsere Partner – soweit vertragliche Rahmenbedingungen eingehalten werden – bei einem Lieferanten ihrer Wahl kaufen und an ihren Stationen verkaufen. Bei Verstößen gegen vertragliche Absprachen prüfen wir den Einzelfall.“

Ein Erfolg der Kläger vor Gericht könnte weitreichende Folgen für den Mineralölkonzern haben. Mehr als 300 Vertragspartner könnten ähnliche Ansprüche anmelden. Die mögliche Gesamtsumme wird auf 450 Millionen Euro taxiert.