Tübingen (Baden-Württemberg) – Ihr Ziel auf der Dating-Plattform Tinder war präzise definiert: wohlhabende Herren im Alter von 53 bis 72 Jahren, die für erotische Begegnungen offen waren. Sandra B. (34) lockte sie an, doch anstatt zu intimen Treffen kam es stets zu Überfällen. Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau vor, als Köder einer Räuberbande agiert zu haben, die es gezielt auf hochwertige Armbanduhren abgesehen hatte.

Sex blieb aus, gestohlen wurden Luxusuhren. Seit Freitag muss sich Sandra B. gemeinsam mit mutmaßlichen Komplizen vor dem Landgericht Tübingen verantworten. Die Vorwürfe lauten auf schweren Bandendiebstahl und gefährliche Körperverletzung.

Staatsanwalt Julian Weippert (36) schildert das Vorgehen: Die Angeklagte aus Stuttgart habe sich bei Tinder angemeldet und älteren, finanziell gut situierten Männern ein sexuelles Interesse vorgetäuscht. Bei den vereinbarten Treffen in deren Wohnungen sei es ihr jedoch einzig darum gegangen, wertvolle Uhren zu entwenden.

Betäubungsmittel im Sekt

Ihr erster Einsatz soll Sandra B. direkt eine reiche Beute eingebracht haben. Laut Anklage simulierte sie Bauchschmerzen und bat das Opfer, Michael K., um eine Schmerztablette. In diesem Moment der Ablenkung habe sie sechs Uhren im Gesamtwert von 18.000 Euro an sich genommen, eine angebliche Monatsblutung vorgeschützt und sich entfernt.

Bei einem weiteren Date mit einem Mann namens Werner J. soll sie sogar Betäubungstropfen eingesetzt haben, die sie heimlich in sein Sektglas mischte. Nachdem er bewusstlos geworden war, verschwand eine Rolex Day-Date im Wert von 14.000 Euro. Von einem intimen Kontakt war auch hier keine Rede.

Bande erbeutete offenbar eine Fälschung

Nicht jeder Coup verlief nach Plan. Bei einem Tinder-Treffen in Worms täuschte Sandra B. laut Anklage Rückenschmerzen vor und bat um eine Massage. Als ihr Gegenüber seine schwere Armbanduhr dafür ablegte, läutete ihr Bruder (29) – als Lieferando-Bote verkleidet – an der Tür. Während das Opfer öffnete, griff die Frau zur Uhr und floh. Später stellte sich heraus: Bei der Rolex handelte es sich offenbar um eine Imitation, deren Wert auf nur etwa 200 Euro geschätzt wird.

Opfer wurde k.o. geschlagen

Neben den Geschwistern Sandra und Daniel B. stehen drei weitere mutmaßliche Bandenmitglieder im Alter von 19 bis 24 Jahren vor Gericht. Der Gruppe wird zur Last gelegt, Uhren im Gesamtwert von rund 300.000 Euro erbeutet zu haben. Gefährdet waren demnach auch Männer, die ihre Luxusuhren online zum Verkauf anboten. So soll der Mitangeklagte Mohamed C. (19) in Metzingen einen Uhrenbesitzer bewusstlos geschlagen und die geraubte Rolex bei Komplize Mert A. (24) abgeliefert haben. Für den Absatz der Diebesbeute soll vor allem Ismail El O. (21) verantwortlich gewesen sein.

Am ersten Verhandlungstag wurde die Anklage verlesen. Anschließend verhandelte das Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit über eine mögliche Einigung: ein Geständnis der Angeklagten im Tausch gegen eine mildere Strafe. Die Beschuldigten haben sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Ihnen drohen Haftstrafen von bis zu zehn Jahren.