Noch nie war die öffentliche Auseinandersetzung mit Sexualität so präsent wie heute. Ob in sozialen Netzwerken, Podcasts, Serien oder auf Dating-Plattformen: Themen wie Lust, Begehren und alternative Beziehungsmodelle begegnen uns überall. Die sexuelle Sichtbarkeit in der Gesellschaft hat ein historisches Hoch erreicht. Dennoch klagen parallel dazu viele Menschen über nachlassendes Verlangen und schwindende Lust.

Besonders deutlich wird dieses Phänomen bei Paaren. Die Liebe ist vorhanden, ebenso die gegenseitige Zuneigung. Doch zwischen beruflichen Verpflichtungen, Alltagsorganisation und der gefühlten Dauerbeschallung mit sexuellen Inhalten aus Fernsehen und Internet bleibt das Begehren oft auf der Strecke.

Ähnlich erging es Nina (41) und Thomas (44, Namen geändert) aus Berlin. Ihre Beziehung funktionierte reibungslos, Auseinandersetzungen waren selten und sie sahen sich als eingespieltes Team. Trotzdem war die sexuelle Anziehung nahezu verblasst. „Wir haben eigentlich jede freie Minute gemeinsam verbracht – und dennoch habe ich mich ihm nicht mehr wirklich nah gefühlt“, erinnert sich Nina.

„Wir denken ständig über Sex nach, aber ...“

Homeoffice, gemeinsame Serienabende, Erledigungen, Wochenenden – das gesamte Leben spielte sich gemeinsam ab. Neues entstand kaum noch, Überraschungen blieben aus. Parallel dazu waren beide permanent von Erzählungen über Beziehungen, Sexualität und vermeintliche Leidenschaft umgeben. „Irgendwann hatte ich den Eindruck, wir reflektieren ständig über Sex, erleben ihn aber immer seltener“, sagt Nina.

Eine Veränderung setzte erst ein, als beide wieder vermehrt eigenen Interessen nachgingen. „Je eigenständiger unser Leben wurde, desto spannender wurden wir füreinander“, berichtet Thomas.

Für die Berliner Sexualberaterin Jana Förster ist dieses Muster kein Einzelfall: „Lust benötigt Raum und Spannung.“

Drei Kinder, Beruf und ein voller Alltag ließen bei Katalin und Markus die Sexualität immer weiter in den Hintergrund rücken. Erst als sie lernten, Intimität nicht nur über Sex zu definieren, fanden sie wieder mehr Nähe zueinander

Mit fehlendem Verlangen kämpfen auch Katalin (34) und Markus (36) aus Köln. Allerdings entwickelte sich ihre Situation völlig anders als bei Nina und Thomas. Drei Kinder, Vollzeitstellen und ein durchgetakteter Alltag ließen das sexuelle Verlangen immer seltener werden. Nicht etwa fehlende Liebe oder mangelnde Anziehung waren dafür verantwortlich, sondern die Tatsache, dass der Alltag sämtliche Energiereserven aufbrauchte. „Ich liebe meinen Mann und begehre ihn, aber abends bin ich häufig einfach nur ausgelaugt“, erklärt Katalin.

Zusätzlichen Druck erzeugte die ständige Konfrontation mit Bildern, Ratschlägen und Idealvorstellungen davon, wie erfüllende Sexualität auszusehen habe. „Man hat permanent das Gefühl, man müsse sich auch diesem Bereich noch widmen“, sagt Markus.

An diesem Punkt kehrte die Lust zurück

Inzwischen bemühen sich beide, bewusst Zeit für sich als Paar einzuplanen. Gemeinsame Abende, offene Gespräche, körperliche Zärtlichkeit sowie das Erproben neuer Anregungen haben ihnen geholfen, wieder mehr Nähe und Neugierde in ihre Beziehung zu integrieren. „Als wir damit aufhörten, die Lust erzwingen zu wollen, stellte sich die Nähe von selbst wieder ein“, so Katalin.

Laura und Mark sind seit ihrem 18. Lebensjahr liiert. Unlust wollen sie gar nicht erst aufkommen lassen

Ein gänzlich anderes Modell verfolgen Laura und Mark (beide 26) aus München. Sie kennen sich seit der Schulzeit und führen seit acht Jahren eine offene Beziehung. Bereits zu Beginn wollten sie sich gegenseitig Freiräume gewähren. Aus Lust sollte niemals Frustration entstehen.

„Wir haben uns die Frage gestellt, weshalb wir nicht auch anderen Erfahrungen Raum geben sollten“, sagt Mark. Laura ergänzt: „Anfangs war das ungewohnt, aber wir sind offen miteinander umgegangen.“

Heute gehören Erlebnisse mit anderen Menschen für sie zum Beziehungsalltag; entscheidend sei dabei das gegenseitige Vertrauen. „Eine ehrliche Kommunikation ist das Wichtigste“, betont Mark. Laura fügt hinzu: „Wir wissen, dass wir uns trotzdem immer sicher sein können.“

Zur Person

Jana Förster

Jana Förster arbeitet als Sexualberaterin und Paartherapeutin mit einer Praxis in Schöneiche bei Berlin. Seit 2016 unterstützt sie Einzelpersonen, Paare und Familien bei Themen rund um Sexualität, Beziehungen und Intimität. Nach einer dreijährigen Ausbildung sowie Zusatzqualifikationen in Sexualtherapie und klientenzentrierter Gesprächstherapie erhielt sie 2019 die Erlaubnis zur Ausübung der Psychotherapie gemäß dem Heilpraktikergesetz. Vor ihrer therapeutischen Laufbahn war sie als Erotikautorin tätig und publizierte verschiedene Sach- und Ratgeberbücher.

Expertin Förster bewertet die Situation: „Offene Beziehungen können funktionieren – aber nicht für jeden.“ Auch Laura und Mark empfehlen Vorsicht. „Man sollte sich ausreichend Zeit nehmen“, rät Laura.

Vielleicht verdeutlichen diese Beispiele vor allem eines: Lust entsteht weniger durch Zwang oder Optimierungsdruck, sondern vielmehr durch Freiräume, Vertrauen und das Gefühl, den Partner immer wieder neu kennenzulernen.

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