Der Begriff Gastprofessor erweckt bei vielen den Eindruck einer Professur mit zusätzlichen Ehren und einem höheren Gehalt. Die tatsächlichen Gegebenheiten sind jedoch weitaus vielschichtiger. Angesichts aktueller Berichte über mögliche universitäre Laufbahnen prominenter Politikerinnen und Politiker wie Annalena Baerbock stellt sich für viele die Frage: Welcher Weg führt eigentlich zu einer Gastprofessur? Ist ein Doktortitel zwingend erforderlich? Und mit welchem Einkommen kann man rechnen?
Die Vergütung: Ein breites Spektrum
„Die Bezahlung bewegt sich zwischen null Euro, einer kleineren oder größeren Aufwandsentschädigung und durchaus sechsstelligen Jahresbeträgen“, erläutert der Mathematiker Christian Hesse (66), der selbst Gastprofessuren in den USA, Berlin und Saudi-Arabien bekleidet hat. Die Höhe der Vergütung sei von zahlreichen Faktoren abhängig, so Hesse:
- Standort des Landes
- Art der Hochschule
- Wissenschaftliche Disziplin
- Zeitlicher Umfang der Gastprofessur
- Umfang der zu übernehmenden Aufgaben
Bekanntheit der Persönlichkeit
Für Gastprofessuren über mehrere Monate nennt Hesse Größenordnungen von ungefähr 3.000 bis 20.000 Euro im Monat. Zum Vergleich: Bei einer regulären Professur in Deutschland liegt das Grundgehalt meist zwischen 6.000 und 9.000 Euro brutto monatlich, wobei zusätzliche Zulagen möglich sind.
Auch bei Gastprofessuren kommen häufig weitere Leistungen hinzu, etwa für Flugreisen, Reisekosten, Unterkunft oder eine lokale Krankenversicherung. In Ländern wie Saudi-Arabien, Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten können die Honorare für international renommierte Gastprofessoren sogar deutlich darüber hinausgehen.
Hesse verdeutlicht die gravierenden Unterschiede mit einem plastischen Beispiel: „Ich erinnere mich an zwei Kollegen an zwei verschiedenen Universitäten. Der eine ging bildlich gesprochen mit zwei Äpfeln nach Hause, der andere mit zwei Goldbarren.“
Der Weg zur Gastprofessur
Einen standardisierten Karriereweg gibt es nicht. „Normalerweise werden diese Positionen öffentlich ausgeschrieben“, verrät Hesse. „Im Anschluss folgt ein Berufungsverfahren, in dem über die Auswahl des Bewerbers entschieden wird. Alternativ besteht auch die Möglichkeit einer Initiativbewerbung, um das eigene Interesse zu signalisieren.“ Im Gegensatz zu einer regulären Professur stehen bei Gastprofessuren häufig die besondere fachliche Expertise, praktische Erfahrung oder das Renommee der Persönlichkeit im Vordergrund.
Ist ein Doktortitel erforderlich?
Für eine Professur in Deutschland ist in der Regel ein langer Atem vonnöten. Der klassische Werdegang führt über ein Studium und eine anschließende Promotion. Danach folgen meist weitere wissenschaftliche Qualifikationen, oft in Gestalt einer Habilitation oder einer Juniorprofessur. Erst im Anschluss daran kann man sich im Rahmen eines Berufungsverfahrens um eine Professur bewerben.
Bei Gastprofessuren hingegen gelten häufig andere Maßstäbe. Nach den Erfahrungen von Hesse stehen hier akademische Grade nicht zwingend im Vordergrund. Zwar seien Promotion und wissenschaftliche Erfahrung in vielen Disziplinen der Regelfall. Hesse betont jedoch: „Neben Wissenschaftlern können ebenso gut Menschen aus der Praxis mit einer bestimmten Berufserfahrung oder Netzwerkkenntnis bei entsprechendem Renommee oder Bekanntheitsgrad berufen werden.“
Selbst Persönlichkeiten ohne klassische Wissenschaftslaufbahn kämen in Betracht. „Manche Universitäten berufen auch Prominente zu Gastprofessoren, die nicht einmal zwingend eine Aufgabe übernehmen müssen“, sagt Hesse. Nach seinen Angaben handle es sich dabei allerdings um Ausnahmefälle. Dieses Beispiel verdeutlicht jedoch: Die Anforderungen für eine Gastprofessur können deutlich flexibler ausgestaltet sein als für eine reguläre Professur.
Der Unterschied zur „ordentlichen“ Professur
Der wesentlichste Unterschied liegt in der zeitlichen Befristung der Tätigkeit. Gastprofessuren sind überwiegend zeitlich begrenzt und erstrecken sich oft nur über wenige Monate oder Semester. Reguläre Professoren an deutschen staatlichen Hochschulen sind hingegen häufig Beamte auf Lebenszeit, erklärt Hesse. In den USA entspricht dies in etwa der sogenannten „Tenure“, also einer dauerhaften Professur ohne Verbeamtung.


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