Kiel – Eigentlich ein Routineeinsatz: Ruhestörung. Doch im berüchtigten „Weißen Riesen“ in Kiel ist nichts alltäglich!
Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden 2024 insgesamt 106.875 Polizisten Opfer einer Gewalttat – ein Anstieg um 1167 Fälle im Vergleich zum Vorjahr. Meist handelt es sich um Widerstand, doch manchmal geht es um Leben und Tod.
Der dramatische Vorfall am Kurt-Schumacher-Platz: In der Nacht zu Dienstag fuhren zwei Beamte mit ihrem Streifenwagen an dem Hochhaus vorbei. Gegen 0.45 Uhr, völlig unerwartet, krachte ein großes Bruchstück einer Gehwegplatte (20 × 10 cm, 5 cm dick) auf das Fahrzeug. Das Geschoss durchschlug die Windschutzscheibe auf Kopfhöhe. Die 25-jährige Polizistin auf dem Beifahrersitz erlitt Verletzungen an Hand und Sprunggelenk. Dass sie überlebte, grenzt an ein Wunder.
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Die Staatsanwaltschaft setzte umgehend 1000 Euro Belohnung für Hinweise auf den Täter aus. Ermittelt wird wegen eines versuchten Tötungsdeliktes. Wer die Platte aus einer der 242 Wohnungen warf, ist unbekannt. Die Ermittlungen ergaben lediglich: Das mehrere Kilo schwere Geschoss stammte aus einem der oberen Stockwerke.
107 Polizeieinsätze in einem Jahr
Die Reporter haben sich in dem Gebäude am Kurt-Schumacher-Platz umgesehen, das sich vom Wahrzeichen des Stadtteils Mettenhof zum Ort der Angst gewandelt hat. Der 85 Meter hohe Bau (errichtet 1965) ist als „Weißer Riese“ bekannt. Die Polizei wird hier regelmäßig gerufen. Sprecherin Stephanie Lage: „2025 gab es 107 Polizeieinsätze in dem Haus.“

Die Mieten sind niedrig. Im Treppenhaus vermischen sich Essensgerüche, die Wände sind beschmiert. In vielen Ecken stapelt sich Müll, im 11. Stock fault ein Fisch in einer geöffneten Dose auf einem Gang.
„Anfangs hatte ich ein Taschenmesser dabei“
In dieser Etage wohnt seit einigen Monaten die Studentin Fenya Sender (19), die Lehrerin werden möchte: „Das Treppenhaus ist hässlich, aber meine Wohnung ist wunderschön. Anfangs hatte ich ein Taschenmesser an meinem Schlüsselbund. Aber mir ist hier noch nie etwas Schlimmes passiert.“ Die 19-Jährige bewohnt 36 Quadratmeter für 487 Euro monatlich.

Jan-Peter Kruse (52) lebt seit zwölf Jahren hier: „Ich habe hier nette Nachbarn. Aber weiter oben im Haus gibt es auch einige Kriminelle. Wenn es das Einkaufszentrum vor der Tür nicht gäbe, wäre ich schon weggezogen.“

„Hier muss man aufpassen“
Auf dem Vorplatz treffen die Reporter auf den Gebäudereiniger. Thomas Koch (61), der seit 20 Jahren in der Nachbarschaft wohnt: „Das ist schon ein heißes Pflaster hier. Besonders abends muss man hier aufpassen. Vor einigen Jahren wäre mein Bruder hier beinahe von einem Blumentopf aus dem Hochhaus getroffen worden. Der schlug nur 20 Zentimeter von ihm entfernt ein. Deshalb halte ich immer Abstand.“

Auf die Frage, wer die Platte geworfen haben könnte, will oder kann keiner der Anwohner eine Antwort geben. Die meisten kennen ihre Nachbarn im „Weißen Riesen“ kaum. Bislang hat auch die Polizei keine konkreten Hinweise auf die Täter. Es ist unwahrscheinlich, dass die 1000-Euro-Belohnung jemanden zum Reden bringt. Denn die Polizei ist hier, wie in vielen Gesprächen deutlich wird, offenbar für einige Bewohner ein Feind.

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