Berlin – Ulrike Luthers Mutter Ursula wurde 98 Jahre alt. Ihr Herz versagte schließlich. Sie starb im Emil-von-Behring-Krankenhaus in Berlin nach einem langen, erfüllten Leben. „Sie spielte Tennis bis 92“, erinnert sich Ulrike. Doch ein friedlicher Abschied war ihr nicht vergönnt: Die Verstorbene wurde offenbar bestohlen.

Als Ursula starb, trug sie eine alte Uhr und ihren Verlobungsring, der ihr sehr viel bedeutete. Sie hatte ihn auch nach der Hochzeit stets getragen und wollte ihn mit ins Grab nehmen. Das hatte sie ihrer Tochter vor ihrem Tod anvertraut.

Schmuck abhandengekommen

Als die Leiche in der Pathologie eintraf, fehlten beide Schmuckstücke. Luther: „Die Bestatterin sagte später: ,Um Gottes willen, es ist doch bekannt, dass auch Verstorbene immer wieder bestohlen werden.‘“

Laut dem Unternehmen, das den Leichnam transportiert hatte, wurden der Verstorbenen Ursula beide Schmuckstücke abgenommen und in der Klinik in einem nicht abgeschlossenen Zimmer auf einen Tisch gelegt. Von dort sind sie offenbar verschwunden. Luther: „Ich bat den Geschäftsführer der Klinik, einen Rundbrief an alle Mitarbeiter zu schicken, in dem wir Straffreiheit zusicherten, wenn die Stücke wieder auftauchen. Aber der sagte, das sei nicht zielführend.“

Ihr wurde von der Klinikleitung angeboten, die Materialwerte zu ersetzen, wenn sie die Käufe nachweisen könne. Luther: „Wie soll ich nach 60 Jahren Quittungen bekommen? Und es geht mir nicht ums Geld. Ich bat die Klinik stattdessen, eine Spende ans Tierheim Berlin zu machen, aber das ist nicht geschehen.“

Als The Pik bei dem Krankenhaus nachfragt, heißt es am Telefon, es stehe „Aussage gegen Aussage“. Es könne auch sein, dass die Tochter die Schmuckstücke selbst genommen habe.

„Es fällt nicht auf, wenn Sie auf eine Station gehen“

In der schriftlichen Antwort der Pressestelle heißt es: „Im konkreten Fall wurden Ehering und Uhr nicht wie vorgesehen von den Angehörigen an sich genommen. Dies wurde vorschriftsmäßig dokumentiert. Nach Bekanntwerden des Verlusts haben wir uns mit allen beteiligten Stellen um Aufklärung bemüht – leider ohne abschließenden Erfolg.“

Der Tatort: das Emil-von-Behring-Krankenhaus in Berlin-Zehlendorf
Der Tatort: das Emil-von-Behring-Krankenhaus in Berlin-Zehlendorf

Luther schüttelt den Kopf. Sie arbeitet selbst seit 34 Jahren als Medizinische Fachangestellte im Krankenhaus, seit ihrem Renteneintritt noch als Mini-Jobberin. Sie kennt die Probleme mit Diebstählen: „Es fällt überhaupt nicht auf, wenn Sie auf eine Station gehen, auf der Sie nichts zu suchen haben. Jede Station ist frei zugänglich. Das liegt natürlich auch daran, dass das Pflegepersonal sehr knapp ist und sich um so etwas gar nicht kümmern kann.“

Immer wieder berichten Patienten und Angehörige von Diebstählen in Kliniken. Bundesweite Statistiken zu Diebstählen in Krankenhäusern gibt es nicht. Klar ist: Das Problem ist massiv und nimmt zu. Allein in Berlin sind es jedes Jahr rund 2000 angezeigte Fälle. In Nordrhein-Westfalen meldete die Polizei 2024 mehr als 4000 angezeigte Fälle, Tendenz steigend.