Magdeburg – Über Jahre hinweg hat die AfD gegen die Verfilzung der sogenannten Altparteien gewettert, gegen die Vergabe von Posten, gegen Berufspolitiker und gegen eine etablierte politische Klasse, der sie vorwarf, den Staat für eigene Zwecke auszubeuten. Nun könnte die Partei womöglich selbst kurz davorstehen, in Sachsen-Anhalt die Regierungsverantwortung zu übernehmen. Das weckt offenbar Begehrlichkeiten. Auch in der AfD gibt es demnach Ministeranwärter, Vertraute und Netzwerker – insbesondere ein exklusiver Männerzirkel hofft auf den Aufstieg.

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (35) nennt öffentlich keine Namen. Hinter den Kulissen wird jedoch bereits darüber spekuliert, wer künftig Ministerien führen, die Staatskanzlei besetzen und die Schaltstellen der Macht übernehmen könnte. Der Spitzenkandidat selbst erklärte zuletzt, sein Kabinett sei bereits zu „95 Prozent“ zusammengestellt.

Die entscheidende Voraussetzung dafür scheint nicht unbedingt Regierungserfahrung zu sein. Entscheidend ist offenbar Vertrauen.

Die „Pokerrunde“

Um zu verstehen, warum genau diese Namen im Gespräch sind, lohnt ein Blick zurück. Viele der möglichen Minister verbindet nämlich mehr als nur die Parteimitgliedschaft. Sie gehörten einst jenem informellen Netzwerk an, das innerhalb der AfD Sachsen-Anhalt lange nur als „Pokerrunde“ bezeichnet wurde. Der Name erinnert an gemütliche Skatabende mit Bierdeckeln und einen lockeren Männertreff.

Tatsächlich beschreiben Parteikenner die „Pokerrunde“ jedoch als eine Art internen Karrierezirkel.

Entstanden ist die Gruppe einst um damalige Führungsfiguren wie Martin Reichardt (57), Jan Wenzel Schmidt (34) und Tobias Rausch (35). Anfangs ging es um Einfluss in Partei und Fraktion. Heute steht plötzlich die Besetzung künftiger Ministerien im Raum.

Der Jurist

Als aussichtsreicher Kandidat für das Justizministerium gilt Christian Hecht (55). Der Rechtsanwalt aus Halberstadt ist seit 2021 Mitglied des Landtags, leitet dort den Ausschuss für Recht, Verfassung und Verbraucherschutz und ist der einzige Jurist in der Landtagsfraktion.

Christian Hecht (55) studierte in Göttingen und Leipzig Jura, er gilt als einer der wenigen Top-Juristen in den Reihen der AfD
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Der Innenpolitiker

Für das Innenministerium wird parteiintern Matthias Büttner (43) gehandelt. Der Staßfurter sitzt seit 2016 im Landtag, ist innenpolitischer Sprecher der Fraktion und befasst sich seit Jahren mit Polizei, Sicherheit und Landesentwicklung. Büttner geriet 2020 in die Kritik, als er im Landtag damit drohte, einen „Mob mit Fackeln und Mistgabeln“ vor die Büros anderer Abgeordneter zu führen.

Der Staßfurter Abgeordnete Matthias Büttner (43) ist gelernter Informationselektroniker und war vor seiner politischen Karriere in der Immobilienwirtschaft als selbstständiger Unternehmer tätig
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Der Strippenzieher

Für das Wirtschaftsressort fällt immer wieder der Name Tobias Rausch (35). Der parlamentarische Geschäftsführer der Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt gehört seit Jahren zum engsten Machtzirkel der Landes-AfD. Pikant: Er ist inzwischen mit der früheren Lebensgefährtin von Ex-Landeschef und Rechtsaußen André Poggenburg verheiratet.

Bestens vernetzt und verdrahtet. Tobias Rausch (35) überstand bereits mehrere Landeschefs, führte den Landesverband schon kommissarisch
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Der Apparatschik

Eine Schlüsselrolle könnte Martin Reichardt (57) übernehmen. Der Bundestagsabgeordnete führt seit Jahren den Landesverband und war an praktisch jeder wichtigen Personalentscheidung der AfD Sachsen-Anhalt beteiligt. Nach Informationen aus Parteikreisen wird Reichardt als möglicher Chef der Staatskanzlei gehandelt.

Martin Reichardt (57) bildet mit Ulrich Siegmund das Führungstandem der AfD in Sachsen-Anhalt. Der frühere Zeitsoldat bei der Bundeswehr war auch schon Mitglied in der FDP, bei den Republikanern und in der SPD
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Die Kronprinzen

Mindestens ebenso spannend sind die Namen, die bislang eher hinter den Kulissen gearbeitet haben. Patrick Harr (43) gehört zum engsten Umfeld Siegmunds.

Künftiger Regierungssprecher? Patrick Harr (43) gilt als enger Vertrauter von Siegmund und Organisationstalent im Hintergrund. Er war schon persönlicher Referent des geschassten früheren AfD-Landeschefs und Parteirechtsaußen André Poggenburg
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Auch Laurens Nothdurft zählt zum inneren Zirkel. Der Jurist ist Justiziar der Landtagsfraktion und vertrat Siegmund mehrfach vor Gericht. Beide – Harr und Nothdurft – sorgten unlängst für Kontroversen wegen ihrer Vergangenheit in der rechtsradikalen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (2009 verboten).

Nothdurft vertrat u. a. das rechte Magazin „Compact“ im Verbotsverfahren erfolgreich vor Gericht. Verwaltungserfahrung sammelte er seit 2024 als Ortsbürgermeister von Roßlau, einem Stadtteil von Dessau-Roßlau
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Der Gerüchtekandidat

Lange galt auch Hans-Thomas Tillschneider (48) als heißer Kultus-Ministerkandidat. Der gebürtige Siebenbürger Sachse hatte fast im Alleingang das Wahlprogramm geschrieben und sieht sich als Vordenker der Rechten in Sachsen-Anhalt. Allerdings – so Gerüchte aus der Partei, soll Tillschneider inzwischen aus dem Rennen sein. Auch, weil das Verhältnis zu Spitzenmann Siegmund als angespannt gilt.