Hamburg – Nach der Freilassung von Wal „Timmy“ in der Nordsee sorgt ein heftiger Konflikt für Aufsehen – diesmal nicht auf dem Wasser, sondern zwischen den Beteiligten der Rettungsaktion. Die Besatzungen der Schiffe „Fortuna B“, „Robin Hood“ und „Arne Tiselius“ weisen die Anschuldigungen von Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies (58) in einem anwaltlichen Schreiben entschieden zurück. Die Reederei JEB zeichnet ein grundlegend anderes Bild des Einsatzes.

Die Vorhaltungen der Medizinerin, man habe sie ausgeschlossen, belogen oder sogar aggressiv behandelt, seien „unwahr und frei erfunden“. Diese Aussagen hätten inzwischen zu massiven Anfeindungen und sogar Morddrohungen gegen Mitglieder der Crew geführt.

Die „Fortuna B“ fungierte als Unterkunft und Schlepper für die Barge, während die „Arne Tiselius“ als reines Unterkunftsschiff und die „Robin Hood“ (Foto) als Begleitschiff und als „Taxi“ diente, um Personen von der „Fortuna B“ auf die Barge zu bringen
Die „Fortuna B“ fungierte als Unterkunft und Schlepper für die Barge, während die „Arne Tiselius“ als reines Unterkunftsschiff und die „Robin Hood“ (Foto) als Begleitschiff und als „Taxi“ diente, um Personen von der „Fortuna B“ auf die Barge zu bringen

Hochsee ist kein Experimentierfeld

Die Reederei stellt zunächst klar: Weder das Kommando über die Barge noch die Leitung der Freilassung habe bei ihr gelegen. Diese Verantwortung habe bei der Privatinitiative und dem beauftragten Bergungsteam gelegen.

Gleichzeitig verweist sie auf die schwierigen Bedingungen auf See: Die eingesetzte Barge sei ursprünglich für Binnengewässer konstruiert worden. Für die Fahrt Richtung Skagerrak habe es lediglich eine Ausnahmegenehmigung mit strengen Auflagen zu Wind, Wellenhöhe und Geschwindigkeit gegeben. Transfers zwischen Schiffen und Barge seien bei zunehmendem Seegang sicherheitskritisch gewesen.

Timmy in der Barge: Da das Tier vorwärts in sein Transportmittel schwamm, anstatt – wie ursprünglich vorgesehen – rückwärts hineingezogen zu werden, musste der Plan angepasst werden. Eine einfache Freilassung in der Nordsee durch Öffnen der Barge war so nicht mehr möglich und er musste am Zielort angekommen aufwendig gedreht werden
Timmy in der Barge: Da das Tier vorwärts in sein Transportmittel schwamm, anstatt – wie ursprünglich vorgesehen – rückwärts hineingezogen zu werden, musste der Plan angepasst werden. Eine einfache Freilassung in der Nordsee durch Öffnen der Barge war so nicht mehr möglich und er musste am Zielort angekommen aufwendig gedreht werden

Laut Reederei hätten mehrere Mitglieder der Initiative keine Erfahrung auf hoher See gehabt. Für die Kapitäne habe daher gegolten: Sicherheit steht an erster Stelle. Ihre Entscheidungen seien nicht verhandelbar gewesen, sondern Teil ihrer Verantwortung. Vor diesem Hintergrund sei auch Dr. Tönnies' Wunsch, auf der Barge beim Wal zu übernachten, abgelehnt worden. Selbst erfahrene Seeleute dürften das nicht.

Brücke betreten, Gespräche eingefordert

Während die Crew auf Sicherheitsauflagen und Verantwortung pocht, beschreibt sie das Verhalten von Dr. Tönnies an Bord als zunehmend belastend, aufdringlich und grenzüberschreitend. Sie habe mehrfach unaufgefordert die Brücke betreten – den Arbeitsbereich des Kapitäns –, dort gefilmt und während der Navigation Diskussionen begonnen.

Rettungsaktion gescheitert: Timmy liegt inzwischen tot vor der dänischen Küste und droht zu platzen
Rettungsaktion gescheitert: Timmy liegt inzwischen tot vor der dänischen Küste und droht zu platzen

Der Kapitän habe sie mehrfach gebeten, ihn ungestört arbeiten zu lassen. Schließlich habe er sich sogar zum Mittagessen in seine Kabine zurückgezogen, um Ruhe vor der Tierärztin zu haben. Nachdem seine Bitten offenbar erfolglos geblieben seien, habe er sie sachlich darauf hingewiesen, dass ihm nach Seerecht die Möglichkeit zustehe, störende Passagiere vorübergehend in ihrer Kabine festzusetzen. Diese Maßnahme sei jedoch nie angewendet worden.

Die öffentliche Darstellung, er habe „hochrot vor Wut gezittert“, weist die Crew zurück. Die Gesichtsrötung sei medizinisch erklärbar: Rosazea (eine Hauterkrankung, die gerötete Haut im Gesicht verursacht). Nach der Freilassung habe man zudem den Decksbereich im Blick behalten – aus Sorge, Dr. Tönnies könne in emotionaler Erregung ins Wasser springen, um dem Wal hinterherzuschwimmen. Die Crew bezeichnet dies als Vorsichtsmaßnahme, da das Verhalten von Frau Tönnies „extrem besorgniserregend“ gewesen sei.


Viele Wochen lag Wal Timmy auf einer Sandbank vor der Insel Poel
Viele Wochen lag Wal Timmy auf einer Sandbank vor der Insel Poel

Vorwürfe und Gegendarstellung

Ein generelles Filmverbot habe es laut Schreiben ebenfalls nicht gegeben. Gefilmt werden durfte – lediglich Aufnahmen der Crew seien aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes untersagt worden. Selbst Satelliteninternet sei angeboten worden, um Übertragungen zu ermöglichen.

Auch die Behauptung, jemand habe den Wal als „Mistvieh“ bezeichnet, nennt die Reederei „frei erfunden“. Nur zwei Besatzungsmitglieder sprächen Deutsch – beide hätten versichert, sich nie so geäußert zu haben. Beide Seiten schildern die Vorgänge grundlegend unterschiedlich. Während Dr. Tönnies von Intransparenz und Angriffen spricht, verweist die Crew auf Sicherheitsverantwortung, Grenzüberschreitungen und feste maritime Hierarchien.