Setúbal (Portugal) – Als der Gefangenentransport der portugiesischen Nationalgarde (GNR) vor dem Gericht in Setúbal eintrifft, halten die Polizisten erschüttert inne. Die Frau, die ihre Söhne (3, 5) im Wald zurückgelassen haben soll, schreitet über den mit Pappe ausgelegten Weg zum Haftrichter. Sie singt wie eine Opernsängerin, während ihr Lebensgefährte verwirrte Liebeserklärungen von sich gibt!

Zunächst wird der an den Händen gefesselte Marc B. (55) aus dem Transporter geführt. Der Franzose wirkt aggressiv, ruft zweimal „Je vous aime“ (dt.: „Ich liebe euch“). Ob er die wartenden Journalisten, die Polizei oder seine Stiefkinder meint, bleibt unklar. Auch, weil das Gebrüll des Mannes von einer zarten Frauenstimme übertönt wird. Gruselig: Die Beschuldigte Marine R. (41) schreitet ebenfalls gefesselt zur Tür. Und sie singt dabei.

Stiefvater Marc B. (55) protestierte gegen seine Haftrichtervorführung
Stiefvater Marc B. (55) protestierte gegen seine Haftrichtervorführung

Nachdem sich die Hecktür des Transporters wieder geschlossen hat, sitzt das Paar mehrere Stunden beim Richter. Marine R. und Marc B. sollen sich der häuslichen Gewalt, Aussetzung und Vernachlässigung von Kindern schuldig gemacht haben.

Medienvertreter versuchen, einen Blick auf die Beschuldigten zu werfen, nachdem sie mit diesem Transporter ins Gericht gebracht wurden
Medienvertreter versuchen, einen Blick auf die Beschuldigten zu werfen, nachdem sie mit diesem Transporter ins Gericht gebracht wurden
Marine R. (41) und Marc B. (55) wurden festgenommen. Sie hatten die beiden Jungen ausgesetzt
Marine R. (41) und Marc B. (55) wurden festgenommen. Sie hatten die beiden Jungen ausgesetzt

Gericht entscheidet am Samstag über U-Haft

Die Mutter und der Stiefvater aus Frankreich sollen zwei Jungen im Alter von gerade mal 3 und 5 Jahren absichtlich nahe einem Waldgebiet bei Alcácer do Sal (Portugal) zurückgelassen haben. Am Samstagvormittag soll entschieden werden, ob Marine R. und Marc B. in Untersuchungshaft kommen oder unter Auflagen freigelassen werden.

An dieser Straße nahe Alcácer do Sal in Portugal wurden die Geschwister aus Frankreich gefunden
An dieser Straße nahe Alcácer do Sal in Portugal wurden die Geschwister aus Frankreich gefunden

Zudem liegen gegen Marine R. und Marc B. zwei europäische Haftbefehle aus Frankreich vor. Das Paar soll nicht nur die Kinder nach Portugal entführt, sondern auch einen weiteren Sohn (16) der Frau einfach in Frankreich zurückgelassen haben.

Eine Flasche Wasser bei brütender Hitze

Bei Temperaturen um die 30 Grad hatte Zeuge Alexandre Quintas die in Portugal ausgesetzten Kinder am Dienstagabend nahe der Ortschaft Monte Novo do Sul (rund 60 Kilometer südöstlich von Lissabon) gefunden. Sie trugen Rucksäcke bei sich. Der magere Inhalt: ein paar Klamotten, ein Apfel, eine Orange, eine Flasche Wasser.

Quintas nahm die Kinder zunächst in seine Obhut, alarmierte dann die Polizei. Die Jungen kamen auf die Wache. Nach ihrer Untersuchung in einem Krankenhaus seien sie der französischen Botschaft übergeben worden.

Derweil nahm die GNR die Fahndung nach Mutter und Stiefvater auf. Nach einem Zeugenhinweis waren Marc B. und Marine R. zwei Tage später auf der Terrasse eines Cafés in Fátima festgenommen worden.